Werkstatt Woerterbruch
Frankfurt Gedichte

Lesung im Bürgerinstitut e. V., Oberlindau 20, 60323 Frankfurt
Donnerstag, 09. Februar 2017, 18:00 Uhr

Tel. 069 972017­0, Fax 069 972017­11 E­Mail: info@buergerinstitut.de
Mitglieder des Bürgerinstitut e.V.: 3,00 € Gäste des Bürgerinstitut e.V.: 5,00 €

Am Rande / Das Main Café

Beine Zehen hängen über
Schwanensegel bewegte Bilder
knapp der Streifen
Menschenspiegel Main.
Reden Trinken Sonnenliegen Schmusen
Flussgeruch mit Cappuccino, Apfelwein.
Maincafe Telefon 66169713:
„Wurde eine Brille gefunden –
Braun mit Etui?“ „Nein? Danke.“

Der Hintergrund Museumsmeile
Museum für Kommunikation
das Auf und Ab der Schritte
der Räder vor Liegenden Sitzenden
Schnittstellen auf Geraden
mögliche Berührungen
Wege am Ufer auf dem Wasser Schiffe
mit Ladung Sightseeing Beinahebegegnung
höre ich das David-Gilmore-Schwingen
Gitarrenklänge in Wogen
verstehe und sehe
knapp am Rande
vorbei.

Belohnung

Wie war die Fahrt? Ja, viele Menschen.
Das Bahnhofsviertel Full Speed Ahead.
Die Alte kennst du? Irre Ausgeflippt. Die
Schwarzen Haare. Wo ist dein Baby? Sie
lacht. Zahnreste. Ein Bahnhof schreibt
TrauerGeschichten. Am nächsten Tag
in allen Zeitungen: Mord. Belohnung.

Gutleutstraße Richtung Westen. Nach der
Post rechts bis zur letzten Brücke. Links
Zur Kläranlage. Am Main. Dort, sagen sie.
Am Ende. Der Weg ins Grüne. Nähe Orange
Beach. In einer Biotonne bei den Gärten.
Das Foto aus 2011. Weihnachtsfeier. Mit 28.
Lange schwarze Haare. Lücken im Gebiss.
Eine Obdachlose. Die von gestern Nacht?
Dreitausend Euro. Viel Geld. Und das Baby?

Unser Kampf

Anna Gulczynska – Unser Kampf

 
unsere Oma versklavt

unser Opa trank das ganze Leben
lang den Krieg weg

unsere Eltern führten daheim
den Krieg weiter

und wir Kinder

spielten den Krieg

im Hof

bewarfen uns mit Steinen
zielten mit Plastikpistolen

übten schon für später

den Hass

Apfelweintraum

Am Abendhimmel suche ich
die Türme der Stadt gedämpft
klingt sie herüber in meine Straße.
Kopfsteinpflaster in nassem Glanz
spärlich sprüht Regenlicht rollen Räder
behutsam als wollten sie nicht stören
Häuser zusammengerückt in einen
engen Flecken Leben wohnlich gefiltert
unter sparsamem Schein der Laternen.

Die strahlenden Wangen der Äpfel
lächeln knackig in herbstlichen
Abend die Wirtshausschilder erinnern
Sonnenwärme Wünsche nach abendlicher
Gastlichkeit honigströmenden Duft
nach Heimat unter wohnlichen
Lichtern. Mundartlachen Stimmen-
Gemeinschaft lockt hinter
dunkel getäfelte Türen.

Im Freien davor frösteln Blätter zu
kleinen Haufen in Gelb in Grün
sie kreiseln Geraschel tanzen den Herbst.
Tische Bänke vertrautes Bild aus warmen
Tagen, sie harren unverdrossen draußen,
tief drinnen hüten sie Sonnensehnsucht.
Vor feuchtgrauer Herbstmauer möchte
ich Sommer träumen.

Auf der Zeil

Auf der Zeil zusammengedrängt wie auf
dem Deck jener Fähre nach Naxos, als der
Wind aufkam. Das Abfallpapier wirbelte auf
und bunte Kinderballons kreisen wild über
ihrem Steuermann. Über uns erbricht sich der
gläserne Schlund einer Stadtskulptur.

Zerplatzte Bierflaschen trollen sich, geleerte
rollen auf ihrem Weg zur Post. Verworfene
Stummel tanzen fröhlich auf den Wellen,
doch das Kaugummi widerstehn. Die schweren
schwarzen Mäntel scheinen mit den Platten
verwachsen, auf denen sie hocken. Noch nicht
abgeholt murmeln sie unverständliche Sätze.
Ihre Bettelhand gefüllt mit Wasser.

Wir erreichen den Hafen einer wohlhabenden
Insel in der Nähe. Alles in trockenen Tüchern.
Clothing at its best und gute Manieren. Bulle
und Stier. Ich denke an die Arenen in Spanien.
Stören wir? Platz wäre genug und der Service
ausgezeichnet. Ein entspanntes Lächeln markiert
ihre Mienen. Sie sehen alle gleich aus. Ich verstehe
die Sprache nicht. Am Ende präsentiert man uns
die Rechnung.

Kultur

traf Kamm den Mann
mit Schwamm wassert
die Spur Rasur verfuhr
Kinn glatter Flur (Kultur)

trifft Schrift auf Trift
die Zeichen Zeilen Zeit
geritzt gewitzt geschlitzt
Statur Kontur

zur Spur verfuhr Rasur
Kinn glatter Flur
Frisur wassert der Schwamm
dem Mann Bravour

glamoure Politur.
Partitur

Linie 12

straßenbahnheimat schulter an
schulter gedrängt verschworene
gemeinschaft für knapp bemessene
zeit unlösbar verbunden

über gegerbte lippen rollt rhythmisch
gemurmel perlen gleiten grün durch
finger über watteauweiße haut
streichen ebenholzhände

dunkelaugen verträumt lebhaft
leuchten farben himbeerlippen in
bond in schwarz gebettet haut
töne in allen schattierungen

schlürfendes handygewisper viel
stimmig biegsame laute neben milch
weichen muttervokalen kehliges
knurren klingender stimmenteppich

der einzelne verwischt zu gemeinschaft
freundliches licht durch sprache suchen
finden gemeinsamer wörter vielfalt
niemandem feindlich gesinnt

wir feiern 50 %

Zielgerade Zeil

Alfred-Brehm-Platz Zoo das Rondell
hinter Zäunen amorphe Gestalten
Hochmut
Lamas Wimpernblicke schweifen
Glanz Glorie Frankfurter Zeiten.

Suche Viehherden Viehmarkt Rösser auf Weiden
finde Ärzteschilder Kliniktreiben auf Pfingstweidstraße
Grüne Straße am Uhrtürmchen den Cappuccino in Siena
spaziere auf Friedberger Grünanlagen Pappeln am Sandweg
Sandgrube des Mains für Häuserbauten der Zeil.

Zeile verlorener Existenzen Prachtbauten Residenzen
Luxushotels Rotes Haus Weidenhof Russischer Hof
Herbergen für Kronen und Fürsten Maria Theresia
Kaiser Wilhelm I. vernichtet in Kriegen Regime
durchbrechen Stilfassaden Dynastien Namen Steine
Bürger für Sticks Handyboom der Einkaufsmeile
Massen und Kramen 10.000 Menschen pro Stunde
Schleuse am Stück
zwitschernde Platanen sonnen spenden Kaufhausbaden
Pailletten T-Shirts zehn Euro die Tüt‘.

Gestrandet in Pfützen Großstadtrebellen
Wildheit in Flaschen sozialer Raum
alle Menschen sind gleich – voll Anmut und Würde
frühstücken mit Eisenbahn-Rainer im Franziskustreff -Liebfrauen
ich denke an 1848er Barrikaden zwischen Hauptwache
Konstablerwache Kampf für Freiheit Gleichheit Demokratie
Arbeiter Bauern 42 Menschen verloren das Leben.

Zeile für Revolution Demonstrationen der 70er Jahre gegen
Fahrpreiserhöhungen Rufer Verkünder Bettler-Diebesbanden
Bilder des Volkes bis heute Unrat zusammengehalten
von Männern der Präsenzreinigung
besuche ich das älteste Bauwerk der Zeil die Katharinenkirche
entrücke Konsumwelt frei in Posaunen- und Orgelklängen:
Gibt es eine „Frankfurter Depression“?

Von links nach rechts: Ralf-Rainer Rygulla, Roswitha Aulbach, Anna Gulczynska, Susanne Thauer, Gerhard Schrick, Gudrun Selten

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