Bockenheimer Ldstr. 2

In der Höhe
drängt der Wind
unter die Strähnen
der blendenden Sonne
er geleitet Vögel zum Tanz
Eleganz an Spiegeln
Schattenstriche malen
Op-Art Bilder
auf schillerndes Glas
der Turm schwingt
schön gestaltig im Wind
laut wie Opernchöre

Gasthof zum Strauß

Auf altmodischem Bild mächtig
geballte Federn ein Vogel Strauß in der
Savanne geritzt in rote Mauer
einer Bank am Kornmarkt Ffm

steht dort seit vierhundert und
vierzig weit entfernten Jahren. Ich
sehe ihn im Geiste vor mir auf
Schuppenbeinen grau in grau

wuchtet er quetscht er zwischen
Wänden ausgestellt zum Zweck der
Show und des Profits. Wankt er
mäandert Federboa krümmt den

Hüftschwung schmal um Kurven
löffelt tristes Leben Kopf hoch
im Mond über manch frecher Nase
emporgereckt voll Neugier. Da

setzt es sicher Wadentritte hackt
auf Köpfe. Die Straußenaugen schatten
vorgewölbt und Wimpern flehen
Sehnsucht nach Barbariens

tunesischen Gestaden die Zunge
lappt und plappert afrikanisch
und schaurig tönt des Nachts sein
Weinen bis zu spätem Tod.

In der Klappergass

Der Wirt lag still auf einer Couch in der Wohnung über seiner Kneipe. Ein
Nickerchen vor Feierabend. Alte Gewohnheit. Der Laden lief gelegentlich ohne
ihn, dachte er, lächelte und schlief ein.

Gisi kam herauf, ihn zu wecken. Sie sah seinen Kalender, der auf dem Boden
lag. Kalkweiß das Gesicht, keine Atmung. „Einen Arzt! Bitte!“ „Gespürt hat er nichts mehr“, sagte der Arzt. Er schrieb: Herzversagen.

Sie versuchte, nicht zu weinen. Und dachte an die Gäste. Das Begräbnis an
einem kalten Wintertag, frühmorgens. Alle waren sie da. Auch seine geliebten
Eintrachtfans. „Lebbe geht weider!“(Stepanovic). Klappergass…

Fransen

Diese Straße ist die Beste
dieses Haus ist mir am nächsten
hier bin ich im Vorteil
alle grüßen
hier gibt es nur
meine eigenen
Fallen

Ich wohne hier in Freiheit
ich komme und gehe
lebenslang
60313 ist
meine Postleitzahl
ich beschwere mich nicht

Grün gibt mir
sicheres Geleit
meine Durchgangsstraße
ist keine Sackgasse
Nachbarn kommen und gehen
mal mit halben mal mit
ganzem Herzen

Am Rande / Das Main Café

Beine Zehen hängen über
Schwanensegel bewegte Bilder
knapp der Streifen
Menschenspiegel Main.
Reden Trinken Sonnenliegen Schmusen
Flussgeruch mit Cappuccino, Apfelwein.
Maincafe Telefon 66169713:
„Wurde eine Brille gefunden –
Braun mit Etui?“ „Nein? Danke.“

Der Hintergrund Museumsmeile
Museum für Kommunikation
das Auf und Ab der Schritte
der Räder vor Liegenden Sitzenden
Schnittstellen auf Geraden
mögliche Berührungen
Wege am Ufer auf dem Wasser Schiffe
mit Ladung Sightseeing Beinahebegegnung
höre ich das David-Gilmore-Schwingen
Gitarrenklänge in Wogen
verstehe und sehe
knapp am Rande
vorbei.

Belohnung

Wie war die Fahrt? Ja, viele Menschen.
Das Bahnhofsviertel Full Speed Ahead.
Die Alte kennst du? Irre Ausgeflippt. Die
Schwarzen Haare. Wo ist dein Baby? Sie
lacht. Zahnreste. Ein Bahnhof schreibt
TrauerGeschichten. Am nächsten Tag
in allen Zeitungen: Mord. Belohnung.

Gutleutstraße Richtung Westen. Nach der
Post rechts bis zur letzten Brücke. Links
Zur Kläranlage. Am Main. Dort, sagen sie.
Am Ende. Der Weg ins Grüne. Nähe Orange
Beach. In einer Biotonne bei den Gärten.
Das Foto aus 2011. Weihnachtsfeier. Mit 28.
Lange schwarze Haare. Lücken im Gebiss.
Eine Obdachlose. Die von gestern Nacht?
Dreitausend Euro. Viel Geld. Und das Baby?

Unser Kampf

Anna Gulczynska – Unser Kampf

 
unsere Oma versklavt

unser Opa trank das ganze Leben
lang den Krieg weg

unsere Eltern führten daheim
den Krieg weiter

und wir Kinder

spielten den Krieg

im Hof

bewarfen uns mit Steinen
zielten mit Plastikpistolen

übten schon für später

den Hass

Apfelweintraum

Am Abendhimmel suche ich
die Türme der Stadt gedämpft
klingt sie herüber in meine Straße.
Kopfsteinpflaster in nassem Glanz
spärlich sprüht Regenlicht rollen Räder
behutsam als wollten sie nicht stören
Häuser zusammengerückt in einen
engen Flecken Leben wohnlich gefiltert
unter sparsamem Schein der Laternen.

Die strahlenden Wangen der Äpfel
lächeln knackig in herbstlichen
Abend die Wirtshausschilder erinnern
Sonnenwärme Wünsche nach abendlicher
Gastlichkeit honigströmenden Duft
nach Heimat unter wohnlichen
Lichtern. Mundartlachen Stimmen-
Gemeinschaft lockt hinter
dunkel getäfelte Türen.

Im Freien davor frösteln Blätter zu
kleinen Haufen in Gelb in Grün
sie kreiseln Geraschel tanzen den Herbst.
Tische Bänke vertrautes Bild aus warmen
Tagen, sie harren unverdrossen draußen,
tief drinnen hüten sie Sonnensehnsucht.
Vor feuchtgrauer Herbstmauer möchte
ich Sommer träumen.

Auf der Zeil

Auf der Zeil zusammengedrängt wie auf
dem Deck jener Fähre nach Naxos, als der
Wind aufkam. Das Abfallpapier wirbelte auf
und bunte Kinderballons kreisen wild über
ihrem Steuermann. Über uns erbricht sich der
gläserne Schlund einer Stadtskulptur.

Zerplatzte Bierflaschen trollen sich, geleerte
rollen auf ihrem Weg zur Post. Verworfene
Stummel tanzen fröhlich auf den Wellen,
doch das Kaugummi widerstehn. Die schweren
schwarzen Mäntel scheinen mit den Platten
verwachsen, auf denen sie hocken. Noch nicht
abgeholt murmeln sie unverständliche Sätze.
Ihre Bettelhand gefüllt mit Wasser.

Wir erreichen den Hafen einer wohlhabenden
Insel in der Nähe. Alles in trockenen Tüchern.
Clothing at its best und gute Manieren. Bulle
und Stier. Ich denke an die Arenen in Spanien.
Stören wir? Platz wäre genug und der Service
ausgezeichnet. Ein entspanntes Lächeln markiert
ihre Mienen. Sie sehen alle gleich aus. Ich verstehe
die Sprache nicht. Am Ende präsentiert man uns
die Rechnung.