Der Alte vom Berg

Die frühen Bilder waren längst verblichen,
die Jugend in verschnürten Alben eingestaubt.
Der Alte neigte traurig sein ergrautes Haupt.
Sein Blut war ihm aus dem Gesicht gewichen.

Wie doch die Kinder sich in ihrem Streite glichen,
stets  hatte er an ihre Liebe blind geglaubt.
Vor Jahren hatten sie sein Haus geraubt,
jetzt war die Zeit der Ruhe endgültig verstrichen.

Erwartet würde er in einem Heim im Tal.
Das Blut kocht ihm vor Wut in seinem Leib
und junge Kraft treibt ihn zu seinem Ritual.

Sie starben so wie einst sein Weib. „Ich bleib
auf meinem Berg und will kein Abendmahl.“
Dem Alten wird ein böser Traum zum Zeitvertreib.

WM 2014

Spielt euer Spiel.
Geht hart zu Werke. The game must roll on.
Niemand wird euch stören. Gladiatoren kämpfen
einsam bis zum Schluss. Unsere Schiedsrichter
laufen mit. Sie tun nichts. Der Stärkere gewinnt.
In Katar wird die Technik richten. Millionen
für uns. Lasst Neymar heulen. Er fährt im Stuhl.
Es ist das Gesicht von David Luiz. Er braucht
keine Freude. Doch Angst, Schmerz und harte
Entschlossenheit. Als sei der Teufel hinter ihm
her. Und der Kerl stellt sich ihm. Schluss mit dem
schönen Spiel. Wir brauchen eure Körper und Seelen.
Wir haben die Macht und euer Geld. An unseren
Blattern werdet ihr sterben. Eure Vergänglichkeit. Es
ist Krieg. Wir sind immer dabei. Lasst uns ungestört.
Ende des Spiels.

Angeregt durch Peter Handkes: Über die Dörfer

Mein Schwein pfeift

58 Millionen Schweine starben im letzten
Jahr. Minus eins. Es heißt Heinz und lebt
In meinem Herzen. Unsterblich. Mir ist
Nicht zum Scherzen. 58 Millionen. Muslime
Und Juden essen nicht mit. Meine Tochter
Isst vegetarisch. Damals im Nachkrieg hab
Ich Heinz aufgezogen. Der Metzger ging
In den Keller. Dahin geht er noch heute.
Mutter und ich bleiben oben. Heinz quiekt.
Und pfeift nach mir. Meine Träume. Ich
Rühre sein Blut. Die Wurst isst zum Kotzen. 
Hunger. Gerd! Iss! Heinz bleibt immer im
Plus. Ich esse lieber Lamm. Gem. Gehacktes.
Spaghetti Bolognese. Sonderangebot bei Aldi.
Leberwurst vom Schlachter Rossmann Öko
Aus der Dose 70% Schweinefleisch, 20%
Schweineleber. Immerhin: 10 Prozent Rest.
Wir sind alle keine Sünderlein. Ich bin auf
dem Weg zum Veganer. Prost und  (pfeifen!)
drei Raketen auf Heinz. Es war mein Vater.

Sonettes Polen

Blanka reinigt die Wohnung und Jakub
die alte Mutter von Herbert. Der kann es
sich leisten und redet, es sei zeitgemäß.
Die Vermittlung läuft über den Kegelclub.

Oder-Neiße-Linie nicht anerkannt.
Weißt du noch, die kalten Zeiten? Lange her.
Die Freundschaftsgrenze schossen sie menschenleer.
In Warschau vorm Mahnmal der Kniefall von Brandt.

Blätter druckten Farbe in leere Räume.
In alte Köpfe strömt das frische Blut
und fremde Menschen fassen wieder Mut.

Erfüllt wird mancher Wunsch und unsrer Träume.
Ein Kegelclub als Gast wird Warschau buchen
und Menschen, Freunde werden sich besuchen…

Klartischbasta!

Der russische Zar hatte die Welt zu Gast.
Der olympische Papst fiel in den Bach.
GULAG frisch aufgemischt. Klartischbasta!
Gerhard bleibt Freund. Armee Oligarchen zahlen.
Ukraine frisst Syrien. Gold! Frau Ashton kümmert.

 

Fünf Zeilen

Heut hab ich nur fünf Zeilen. Da muss ich mich beeilen.
Den Sinn recht hinzubiegen, dass die Gedanken fliegen.
Drum schreib ich lieber lange. Dann ist mir nicht mehr bange.
Doch plötzlich wird mir schrecklich klar, dass dies hier schon die Vierte war.
Ich leg mich wieder hin. So macht das Dichten Sinn!

Dialektik des Turms

 

Der weiche Stein traf meine Stirn
in ihrer Mitte. Das dritte Auge
öffnete sich behutsam und sah
den Turm langsam in sich zu-
sammen fallen. Die Wolke des
11. September umhüllte ihn sanft
und nahm ihn lautlos mit sich fort.

In den Augen des alten Publikums
spannt sich beton brut von 1972 bis
heute, festgefahren in den Fahr-
stühlen moderner Technik. Ewige
Hausbesetzung in der Gartenlaube 
alter Meister. Frische Luft im Foyer.
Ich will hier raus! Endlich Soziologe.

 Die Universität der dritten Lebens-
Alters als bürgerliche Nachhut im
steinernen Elfenbein. Geschichten
von damals und Bibliographien in
Wort und Bild. Kreatives Schreiben.
Zu spät. Es regiert das House of(f)
Finance. Das Hotel liegt vor mir.
Blickfrei!

*Titel nach einer Überschrift in der TAZ vom 1./2. 2. 2014

Ein Leb sich nicht auf leben reimt

Dein Leb? Mein Leb? Unser Leb?
Eine Idee. Vom Anfang bis zum Ende:
Plattitüden. Wimpernschläge zwischen
Ewigkeiten. Alles dreht und verschwimmt.
Ich renn los! Du rennst los. Rennt bloß los!
Alles wird gut! Wohin? Die Idee? Nichts
reimt sich. Es wird gelebt. Außer Form.
Freie Dichtung. Die Zeit vergeht. Das Puzzle
geht nicht auf. Es findet sich immer was
nicht zusammen gehört. Schöner Schein. Hier
Leben, dort wird gelebt. Nichts verdichtet.
Ein  Samen, der nicht im Wasser keimt
Ein  Kampf, der ohne Sex nicht crime(t).
Macht es denn Sinn, dass sich das reimt?
Ohne ein Leben kann niemand leben.

Endanflug (2013)

Donnernde Turbinen: Explosionen
betäuben den Raum meines Lebens.
Nachbarn mit blutigen Lungen, vom
Schlamm schwarzer Partikel versteinert.
Grünes Gas trägt den Odem des Todes.
Die Pracht der Farben des Kerosins
treibend auf den Wassern: Ein bequemer
Blick aus geschützten Villen, in frischer
Luft und der Stille bewachter Existenz.
Ein bleicher Regenbogen hängt schwer
über dir, geliebter Hafen Rhein-Main.

Ein frommer Mann (2013)

In Limburg ein Bischof heißt Tebartz-van Elst
Der sammelt viel Geld ein! Und behält‘s
Er baute sich Häuser und kauft eine Wanne
Wer hilft dem verwirrten neureichen Manne?
Er braucht keine Hilfe. Ihm gefällt’s.