Ich bin enttäuscht vom Alter

ich bin enttäuscht vom Alter
meine Erfahrungen will niemand
hören und wenn ich links danebentrete
explodiert der Schmerz bis in den Hörgang

zuckerkrank
Krampfadern
Bluthochdruck
Knorpelabnutzung
koronare Insuffizienz
Makuladegeneration
chronische Entzündung
Sauerstoffunterversorgung
Atemnot und Treppensteigen
Beulen Geschwüre Haarausfall
Tochtergeschwülste irreparabel
in jeder Zelle Rückbildungsprozesse
nach Verrecken klingendes Abhusten
Borderline soweit deine Empfindung reicht
Zeit viel Zeit den Schmerzen nachzuspüren
erschöpft von den vielen Tonnen Erinnerung
und die Qual über noch mehr Tonnen Vergessen
enkelabhängige Sentimente, die Bücher eine Last
schamloses Stöhnen, unterbrochen von stiller Inkontinenz
die rheumaverbogenen Finger suchen den Bandscheibenvorfall

ich bin enttäuscht vom Alter

Die Geigenfläche aus der Kompaktanlage

die Geigenfläche aus der Kompaktanlage
das Kaffeetrinken, analog jetzt digital
Grenzen und Eckpunkte in der Spaßanfrage
unendliche Diskussionen, heimlich jetzt frontal

die greise Oma Wirklichkeit kennt sie genau
die Spaßvögel von der Dauer-Wettannahme
verharren im Eigenspiel, Richtung Unterbau
im alten Stück: der selbe Herr, die nächste Dame

Pläne schmieden, entscheiden, spazieren gehn
die Schwalbe jubelt, spielt Fangen mit der Mücke
vor blauer Unendlichkeit deine Runden drehn
Gewonnen, verloren, same shit in diesem Stücke

Hilfe

für John Ashbery, für Charles Simic und für William Carlos Williams

Der Pannenhelfer war so alt wie er
und so schnell wie er als Hippie
als erster abgesprungen und
angepackt – nein losgelassen! Hin
und wieder gingen sie zur örtlichen
Betäubung, mit den dicken Dingern
zwischen den Zähnen.

Der eine fragt,
dürfen die Kinder der Scharfschützen
was dazu verdienen?
Bei John surrt etwas Unhöfliches
unter dem Filzkissen.

Talentierten sich als Witwenschüttler.
Honorar: Miete, Telefon und Strom.

Helfen, Sie müssen helfen!
rief seine Maklerin, ihr Herz
zerkaut wie der Ball
eines Hundes.
Sie hatte alles verkauft, was
man anfassen konnte.

Aber Ja! verdiente
Anteilnahme, jetzt heruntergestuft auf
Freundin Schrägstrich Betriebs
Leiterin auf Zeit.

Nie wieder über Träume
schreiben und nie wieder
über Verlust.

Brüder und
Schwester schleichen
durch die
feuchten Flure
rechts von Berlin, per Anhalter
pro Schnittchen
per Unze, Petrodollar
und per
Kettenvertrag
und Fernwärme.

Der letzte Schluck
Champagner zurück
gespuckt.
Freiwillig? Dem
Stärkeren ins Glas
gespuckt?

Es war das Leben
das alle wollten.
im Hotel Lautreamont.

Lieber Krieg

Lieber lieber Krieg
Gleichmacher, Bewahrer
Liebe Liebe
Liebes Liebesleid
Frau Vernichterin
Bewahrerin der Idee
die Beine gespreizt

1
Ich schenk dir nichts und du schenkst mir nichts
ohne was stehn wir vor dem Gericht des Gedichts

2
die günstige Wirklichkeit
du freust dich über jeden Stoffwechsel
hergeschenkt im Vorübergehen
und ich mache Halt an der Haltestelle
sorry niemand hat mich informiert

3
Was ich sehe
ist ein unpolitisches Gespenst
ohne Meinung und ohne Standort
inmitten immobiler Erklärung auf und ab in der Woerterhüpfburg

4
Angst ernstmeinen auch sone unlösbare Aufgabe
z.B. die Elisabethenstraße in Essen (Hallo Essen)
benommen von – äh besoffen von den Schrottarealen
am Fuße der Abraumareale
als die Polizei noch Ernst gemacht hat
und Heinrich Böll der Länge nach und Jürgen Bartsch vertikal
am Porscheplatz gemeinsam am Kreuz hingen

5

6
Verschlüsselt die 3 Löffel
3 Mal in Suppe getaucht
und das wars schon mit der Wahrheit
hier und da in der Wirklichkeit nachgefragt

7
Während Kurt Ott auf der Suche nach der anderen
Hälfte seines Namens
in den Kinosälen der Stadt
ohnmächtig wurde 1952 – 54
die Eintrittskarten mit Brot bezahlt

8
Lieber Gott Vorbild meiner Kindheit
Lieber Kurt Ott kinokrank
nach den fremden Geschichten
verhungert in den dunklen Sälen

9
Ich sah den Samurai hochgucken
entspannt ans Fensterkreuz gelehnt
was die Zeitungen so nicht drucken
und wonach du und ich sich sehnt

eben jetzt geblendet vom Tage
wird das Geheimversprechen wahr
und aus der Gegensprechanlage
schallt es laut ich bin nicht da

 

 

Finanziert und durchgerutscht (2014)

Heute Kasse gemacht, dann die gebrauchten Teile abgeladen

keiner weiß was die ganze Reise durch

immer weniger Straßen, niemand bereit die steigenden Tarife zu zahlen

heikel, das Passieren der Posten, was solls, die Lagerhallen platzen
mit Leergut die Mitläufer drehen ab, nur Devisenmangel?

*

Da standen drei noch brauchbare Stühle, aber
niemand wollte sich setzen, laublose
Baumkronen, diese nackt und alles hell

weiter weiter. es gab viel zu lachen, viel heimliches
Valuta zählen, heimliches Spekulieren mit Lebenserwartung

*

– die Löcher in den Köpfen haben wir uns anders vorgestellt,
Blut war jetzt Bares. eine ungefähre Statistik hatte
ein ungefähre Wirkung. Wir bezahlten schon lange für nichts mehr.
Die zwei drei Interviews kosteten auch nichts.

so ernst, das…

Geflüstere machte den Weg frei nach
Preungesheim. „heimlich“ dort  Gebraucht-
wagen aufgekauft

*

noch ein Interview und wir erfuhren, dass wir alle Pässe durchfahren hatten
sie rückten Stühle für uns zurecht, es gab Freibier

die gebrauchten Teile lagen noch wie abgestellt, das machte Spaß
weitermachen, jetzt nur weitermachen, jetzt ist alles finanzierbar

Messer zum Traum (2013)

Das kann ich nur seitwärts erzählen
und nicht im Kreis, wo ich mir selbst
auf andere Weise begegne:

Liegend auf dem Stein, groß und ordentlich
wie der Grabstein, der teuer war
wechselt Kühle am Morgen 

zur Garmöglichkeit in der Mittagssonne.
Gegart und mürbe horche ich, versengtes Ohr
gepresst gegen den klingenglatten Stein

und weiß schon, dass ich nicht bleiben
kann. Es macht einfach schlechte Laune
hier zu liegen, mir und 

Passanten, die eventuell einen Blick
werfen. Wortlos drücke ich Geschichten
aus zur Rechtfertigung. Sie sind

voller Tippfehler, wie Heimat, Heirat oder
Tomatenernte und um Schlimmeres
zu vermeiden, nicke ich 

Zustimmung seitwärts, was einen
Anschein von Unverbindlichkeit hat.
Was vorwerfen kann mir niemand. 

Der glatte Granit mit meinem Abdruck
glutkonserviert, Konturen
messerscharfe Bruchstellen. All das

erinnert mich an die Zeit, als meine
kleine Welt Löcher hatte, in die
die schönen Freundinnen fielen,

um die ich laut beneidet wurde.
Aber jetzt waren sie ja weg! Verschwunden
unter der löchrigen Zeltplane, in den

metallisch glänzenden Schlitzen, die noch
immer leuchteten, wie der messer-
scharfe Traum unterm Kopfkissen.

Sehr rot auf sehr weiß (2013)

Der Geruch Verrat
Der gelbe Lärm ist was ich dir bieten kann
Ein schmaler Grat
Rot überschrieben „rühr mich nicht an“.

Das Versteck Natur
So zufrieden und unten und oben so blau
Lebende Inventur
Tatütata, roter Alarm „mach dich erst schlau“.

Das Feuer Gemeinsamkeit
Das war noch nie so rot. Das Leben ein weißer Traum.
In diesem grünen Kleid.
Und alle Farben versteckt im Zwischenraum.

Rätsel mit neun Hinweisen (2012)

1.
Der große Mobilat ermittelt in jede Richtung.
2.
Allein das Foto vom Einschussloch gilt als Beweis.
3.
Die Opfer wurden am Tag danach erfunden.
4.
Ein Täter besitzt ein Hund, der beim Autofahren kotzen muss.
5.
Fünf Tage später wurden alle Lügen langsam wahr.
6.
Die Waffen hatten Zierleisten, mit farbigen Codes.
7.
Ihre Kunst zählte zu Hause nicht viel.
8.
Jeder zweite Tote war nicht verletzt.
9.
Hanegiff wusste mehr, konnte aber nicht sprechen.
10.
Dürfen die Kinder der Scharfschützen was dazuverdienen?