Park im Winter (2011)

Die schlanken Bäume stehn in sich geschlossen,
ein Dom von scharf umrissnen Wipfeln, hoch
gereckt in Zackenrändern, windumflossen,

die dürren Äste ängstlich klamm und doch,
so bieten sie dem Schnee, der Kälte Ruh‘
und Würde. In ihrem Rund verharret noch

ein Standbild, breit, behäbig, eine Kuh,
ein machtvoll Muttertier, sonst Schrecken, Trutz
verbreitend, schließt sie heut‘ die Augen zu,

tanzt wie im Traum, zeigt sich der Welt im Putz,
ein zartes Spitzenkleid, worein der Schnee
sie liebevoll gehüllt, zu ihrem Schutz.

Und mürrisch eingefangen in ihr Weh,
da zittern überm Boden Rosenstöcke,
wie durch ein Wunder nicht ganz fortgeweht,

so zerrt an manchen noch mit mildem Schrecke
ein knittrig dunkles Rosenblatt, die Träne,
die blutig klagt und weist die weite Strecke,

die Sonne bis zu mildern Tagen nähme.
Fauchend entwischt aus dem Gebüsch ein Tier,
graufarbig, schnuppernd, schnürend, tut als wähne

es nutzlos jede Jagd, doch lauerts stier
hinauf, wo Vögel wehn wie aufgeschlagen,
ziellos gelenkt auf jene Wipfel hier.

Nur wenige Besucher, eingeschlagen
in dicke Tuche, ohne jedes Wort
stolziern sie Automaten gleich und tragen

erstarrt die Lebensunlust mit sich fort.
Und wie die Vögel ohne Ziel gelenkt,
so ziehen sie, umkreisen diesen Ort,

als hätten sie ihr Leben längst verschenkt.

Wortbruch (2013)

1. Wer wob Worte

falsch wob Ruch?
Verrucht der Bruch am
Vers im Buch!
Unmut Unwucht!
Fluch dem Betrug am
Vers im Buch Bruch
Am Wort ruchloser
Vers Fluch ver- flucht!
Wortbruch = Mord
Fort du fort!

2. Wörter brechen
Sinn erwecken Sinn entdecken
Schmieden biegen Bögen
Bunter Fantasie loten tief der
Seele Fühlen Licht und
Leuchten Strahlen aus der
Rührung Seen-Gründe.
Wonnevoll wenn Wörter brechen.

Kleingeredet (2013)

Kleingeredet. Alles. Vor anderen,
Bettgeflüster. Ihre Blicke
nerzumflort. An Oktober
roten Höhen. Dort lagern sie,
nebelhaft umrissen,
sie singen ihre Hormone
im Schmerzhaus der Unlust.
Mache dich auf, lege deine
Arme um sie. Im frisch-
blühenden Morgentau spiegeln
die Sterne. Am Wendekreis
der Erstgeborenen: Sprechstunde
geschlossen. Halt ein die Furcht-
Blase und lass sie klein
reden. Zögere nicht. Gehe über Los.

Einst (2013)

Der kleine Garten einst.
Abendkühle unter Blättern
Lichter unscharf abgemildert
knappes Gebüsch es zaust
es rundet sich zu Plätzen gepflanzt
auf schiefe Sockel die bröckeln
grau. Draußen blass in Ungewissheit
nur Rosen gleich am Rand fahl ohne
Duft die Blüten schwer von
Staub. An dunkler Mauer
Käfige gepackt voll Vögel
die Federn rauschen mit den
Blättern Flügel schrappen
gegen Gitter Schnabelklappern
wisperndes Geraune.

Dort saß sie einst. Mit ihm.
Allein im Garten. Sich an
ihn schmiegen einig werden
zerfließen wie im Traum.
Sie spürte seinen Rücken
ihre Wange suchte Halt.
Er stemmt sich hoch
aufrecht den Kopf
gewendet ließ geschehen den
Blick ins Weite vielleicht
sehnt er sich zu den Vögeln.
Ein Fell räudig vor ungestilltem
Hunger streicht ihr ums Bein.
Achtet sie kaum. Wer war sie
denn? Ein Nichts? Da
hockt sie nun konturenlos verwischt
kaum mehr entzifferbar
rutscht sie ins Leere aus
dem Rahmen ihrer Zeit.

Des Nachts (2013)

Noch befangen im Traum
Spüre ich dich neben mir
Leicht berührt sich unser Schlaf
Gebettet in weiche Laken
Liegen wir Seite an Seite
Zwei und doch eins
Beschützt geborgen
In einer Knospe
Einer Frucht
Umhüllt von dem schwarzen Samt
Dichter Stille
Ich lausche dem Dunkel
Mein Körper meine Haut
Jede Pore geöffnet
Dem Frieden
dem warmen Strömen
Von Zuneigung von Vertrauen
Eingehüllt in unseren Cocon
Gleiten wir dahin
Des Nachts sicher und heil –
Eine kurze Rast
Die uns gewährt ist
Die uns wappnet
Gegen Not Schrecken und Einsamkeit

Nachruf (2013)

Kleine Aster, lichte Gestalt,
frühe Botin dunklerer Zeiten,
erinnerst du der mittagswarmen Tage,
der Bienen, Wespen, die über dir
summten, müde tanzten, Schmetterlinge,
Taubenflügel im Geäst, sanftes
Gräserwehen? Letzte Puderwolken,
gelb über Blütenköpfen?
Dunkellila mauve violett
wogtest du mit den anderen,
neigtest dein Haupt um Brunnen-
Ränder in flatterndem Reigen.

Verschwunden bist du, gebrochen,
geschunden. Ich weiß. Grausam dein Tod.
Gib mir dein Lied, damit ich
dein gedenke, deinen Duft,
damit ich von dir singe.

Das Gemüse (2013)

Das Gemüse,
das sie gerade
auf den Tisch
gestellt hatte,

grün und formlos
zerkocht, fettig
glänzend unter
dem Küchen-

dampf, wie hieß
das zeug noch,
ach, es war ja auch
egal, jedenfalls

merkte er, dass
der Geruch ihn ab-
stieß. Warum
musste sie ihn

immer mit so neu-
modischen Sachen
quälen, ihm di-
rekt den Appetit

verderben. Überhaupt
stieß ihn vieles
hier ab, allem voran
der Küchengeruch.

Er hielt den Mund,
sonst gäbe es wieder ein
großes Geschrei. Am besten,
er würde einfach gehen.

(Nach Brinkmann: Die Konservendose)

Annahme verweigert (2011)

(Warum ich kein Engel sein will)

 

Verlispelt du Englein
Hörst dem Herzen mit
Flatterst die Flügelchen
Verklärst frohes Locken
In Süße und Wonne
Voll Freude preislobe
So goldig rauschest
Vom Himmel hoch her
Mit andern du jauchzest
Ums Bette mir treu
Äuglein in Unschuld
Brav Kindlein mein brav
Herznackedei süß
Gehorsame mein
Mein immer dar
Mir allein.

Dir selige Unschuld
Jubilierende Welt.

An Brücken (2013)

Schwarz die Schwäne
unter Brücken segeln
hinaus aus unseren Horizonten
auf spiegelglatter
See der Erinnerungen.
Brücken sägen wuchtig
den Himmel in Stücke verlassen
nicht ihre eingefahrenen Bahnen
Pfosten schwankend
Haltepunkte vor sicherem Untergang.
Verhalten nähere ich mich
wate in Unsicherheit
im Näherkommen
schwammiger Grund
gleite ich hinab langsam
unendlich fern ich
sinke, sinke gelähmt in Angst
ich suche im Nichts
schreien will ich
erstarrt meine Lippen
kein Laut nach draußen
falle ich ins Dunkel.
Ich erwache nicht.

Traum (2013)

Trittst aus Dunkel
Linien fahl verwaschen
hohler Klang du schreitest
zäh mühsam Schritt für
Schritt hebst schwer die Füße kleben
weiter weiter wanderst
in Suche quälend ohne
Ausgang ohne Ende
auf ungefähren Bahnen
verstellen Mauern dir den
Weg Holz vernagelt Balken
verweigern weichen nicht
einsam ziehst überall fremd
dumpfe Ahnung Angst
lenkt unerbittlich du
ein Tier gesperrt in Käfig Mühle
ohne Sinn und Zweck
hängen gebliebne Zeit
verloren anheimgegeben .

Fein ein Ton kaum erst
vernehmbar achtest nicht
heller schaust du kennst
ihn licht geschliffen messerscharf
ein goldner Strahl führt
dich hinaus aus Enge
kaum erreichst den Tag
taumelst tauchst zurück
willst sinken tief in Schatten
Welten träumst dich selbst
dich greift dich packt der Tag und
Lösung findet alles.