Trostblau

Blau legt sich die
Erinnerung in meine Handvoll
Glas. Ein blaues Kästchen.

Glasfluss. Wie ein Geheimnis.
Immer weiter zieht.
Am Grunde blitzende
Lichttupfen. nehmen
die Kälte von den Augen.

Weich und geschmeidig
schmiegen sich die Finger
wärmen kleine Hände. Ich
berge meinen Kopf
hinter der blauen Haut.

Von weitem spüre ich den
Duft verwehter Stimmen.
Wächst Sonnentag um mich
schmeckt wie aus Licht.

Streut Blau Vergessen
in den Schlaf der
Schlafenden.

Ich finde neue Namen
für alles in mond-
blauem Schwingen.

Rotes Land

Blutig rot spreizen die Berge ihre
strotzenden Schenkel in steile
Lüfte  das gerissene Fleisch
jäh nach oben gestülpt

unendlich die Bögen in der Höhe
Mulden wie Hüte auf
das Land in Wellen und rund die
massigen Steine gehen am Berg

Wolken aufgequollne Fische
bauchoben schwimmen sie weiter
in endlosen Zügen ziehen stetig
der Ewigkeit entlang

in die Tiefe geduckt verborgen
in unsere Unterwasserwelt
schreiten wir auf dem Boden des
Meeres ahnungslos um aufrechte

Haltung bemüht auf die
Hüte die Haube gesetzt
die Kleider strudeln im
Meerwasserwind umflattern sie

uns in Steinfarbenrot die
Stimmen Metall ein  matter Klang
in der Strömung und in den Armen wir
wiegen die frisch geschlachteten Lämmer

Am Rande

In alle Falten
fallen Schleier aus Staub
verwandeln die Landschaft
Schwefelluft stülpt sich
ein Vorhang aus Wolken

Himmelloser Ort
bleiben möchte ich nicht
da wo niemand
verweilt
Rundherum Hügel
bedeutungslos und müde
nur krankes Schorfgestein
gebrochenes Geröll
erbricht sich weithin grenzenlos

Und Mauern flachgehetzt
sie fliehen im Wind In
papierblasses Nichts
Und Fensterhöhlen
wie Augenlöcher
lauschen sehnsuchtsvoll als
bangten sie um Verlorenes

Wenige Schafe
magere Lebenszeichen in
den Hang geduckt
stockfleckig
wie aus Stein kauen sie
auf harschen Resten
vergessener Nahrung

In Aquamarin

Sehnsucht nach

blauen Blumen

geborgen unter Farnen

Wald badet dunkel

Sehnsuchtsmelodien

aus gereimten Seelen

rieseln blaue Nadeln

Luftgesänge

in Eisblau

riesige Lettern aus Glas

rufen locken sie

„Aquamarin“

über die hektische Stadt

hinaus weit bis ans Meer und

mondblumenblaues Glitzern

in meiner Hand

Kostbarkeit aus Glas

glatt und schmeichelt weich

Sonnenspiegel aus

blauer Heimat

da – süchtig nach Licht

öffne ich weit

dem Morgenblau

knote die Sonnenstunden

in meinen Gürtel

folge dem Wimpernschlag

der Wolken

auf der Suche

nach der Farbe meiner Sehnsucht

nach  Aquamarin

Traurige Taube

Da. Die Taube,
ihr Blick gebrochen und steif.
Schön entfaltet liegt sie
seitwärts geschmiegt
an rauen Asphalt
kostbarer Glanz des Flügels
blaumetallen strebt er
geradewärts
in die Benzinluft der Stadt

das andere Teil (der Rest)
gepresst in den Teer
der Straße
frisch geplättetes
Kissen trunken
von rostigem Rot
Eisengeschmack stülpt sich
über Pfade wurmförmig
geronnenen Bluts
trocknen schon bilden
eilige Inseln von

zackig knackendem Gebein
milchbleich im Nachmittag
Magen ein Brocken
laschen Lungengewelks
lackrote Leber
alles mundgerecht gerichtet
scharrt es Fuß vor Fuß
eiliges Schaben Schmatzen
es schmatzen
die Insekten die Tauben

(Und wenn sie nicht gestorben sind)

Frühling Frühling

Tulpen weit aufgesprungen
ihr roter Schrei in der
Frische frühen Lichts
Farben volltrunken grölen sie
krachen über schwülstigem
Blättergrün parfümierte
Narzissenrüschen tanzen
weiß gekleidete Mädchenlieder
Blüten paradieren
von steter Wiederholung
übersättigte Gesichter
sie locken Bienengeschosse zu
gierigem Anflug auf saftige Quellen
Schlupflöcher lauern

Aufbruch zu neuen Paradiesen
ohne Winterverletzlichkeit –
ich hoffe auf den Südwind
in Erwartung gelber
Sonnenküsse
gleite ich gebannt in den Rhythmus
von Duft und Farben

Wald

und tief im Wald
wir suchen Schutz unter

den Ästen sie flechten
sich in unser Haar

wortloses Versinken in
unsere Blicke Gelächter

ohne Absicht Stolpern durch Blätter
Geraschel lösen wir uns aus der Zeit

ein Mosaik aus Gesten
Atemschöpfen für neuen Mut

wir halten die Stille des Nachmittags
dehnen uns in die Stunden

die Kleider fliegen mit Leichtigkeit
und die Zweige zittern

Muster auf unsere Haut
der Tag löst sich auf

wir wachsen in die Abendschatten
unterscheiden uns kaum

von der Umgebung legen
wir uns zu den Wurzeln

werden eins mit dem Wald

Der Beobab

Sonnenstrahlen zersplittern
die blauen Kacheln im
flachen Becken. Zittern sie
Schattenkreise über den Boden

und: In Gedanken zeichne ich
eine Kuh ein Zebu mit.
Mit rund geschwungenen Hörnern
ich lege meinen Kopf in die
Halsbeuge des Rinds  ich
lausche dem Pulsschlag
seiner Tränen und flüstere
um Vergebung.
So könnte es.

Oder: Mein Blick folgt
dem Gebrüll des Meeres
am weit aufgerissenen Strand

und: Ich studiere Sandkorn
für Sandkorn die Nachhaltigkeit
des Affenbrotbaums.

 

Auf Fahrt

Ich fahre Stunden an denen die Zeit
abgleitet und schaue
über Land ungeschriebenes Land
Weiden Wiesen fest gelegt wenig Leben

auf das weite Gras gesetzt
die hohen Zäune ordentlich
vermessen Straßen unwegsam
voll Schotter breitbrüstig
Häuser abgelegt beiseite
gelegt auf fleckige Rasen Mauern

in Bodenhöhe voll gestopft
mit Verdrossenheit
übler Laune aus den Fenstern  summt
stumm das Tiefseelicht der
Fernsehgeräte die Gärten

unbeteiligt daneben gepackt mit
vom Wind geplünderten
Hecken ein Landstrich wie
untervermietet

die Krähen hören auf
zu streiten sie
lösen sich von den schweren Feldern

und steigen steil in die
Höhe als wären sie
auf der Flucht ich folge
ihrer Freiheit in den Lüften

Rote Blume

Draußen Nebelleben zeitlos
verwaschen grau auch in den
Nachrichten alles Grau in Grau
Lichtlosigkeit Winterluft
ausgelaufen duftlos
Müdigkeit nach langem Jahr
aller Schwung ist der Welt und mir
abhanden gekommen ausgesetzt
dem Alltag dem schäbigen Matt
ohne Blättergrün – ich fühle mich allein

Das Tageslicht spielt letzte Töne
allein steht eine Blume vorm
Fenster ein übrig gebliebenes Rot
balanciert sie auf gedörrtem Stängel
aufrecht wie Posamentenstickerei
fleißig gestickt vor schlieriges
Grau tastet sie mit Vorsicht
dringt ihr Rot durch die
Dezemberdämmerung drängt sie
in meine kühlen Tage Gefährtin
meiner Einsamkeit zählt mit mir
die alten Abende blüht sie
meine Trostblüte gibt
Heimat Winterwärme