Nenne mir Liebe

Brücke Eiserner Steg heiter gestreckt
über den Fluss Ornamente aus
Metall Scherenschnitt leichthin
vor den Himmel gestellt. Lächeln
unter Fotoblitzen Liebe geflüstert
in gleichen Atem hier probieren
Paare die Liebe an.

Im Limonenlicht der Laternen
traubenschwer Eisenherzen Schlösser
in metallenen Farben hängen
am Geländer wie Leiber teilen
den Tag und die Dunkelheit
entschlossen gegen Vergänglichkeit.

Die Pfeiler starren und blinken
die Schlösser aus aller Herzen Welt
geheftet zu endlosen Kränzen
schüchtern gespiegelt im Wasser
schaukeln sie geduldig der Zeit
entgegen.

Nenne mir Liebe

Gasthof zum Strauß

Auf altmodischem Bild mächtig
geballte Federn ein Vogel Strauß in der
Savanne geritzt in rote Mauer
einer Bank am Kornmarkt Ffm

steht dort seit vierhundert und
vierzig weit entfernten Jahren. Ich
sehe ihn im Geiste vor mir auf
Schuppenbeinen grau in grau

wuchtet er quetscht er zwischen
Wänden ausgestellt zum Zweck der
Show und des Profits. Wankt er
mäandert Federboa krümmt den

Hüftschwung schmal um Kurven
löffelt tristes Leben Kopf hoch
im Mond über manch frecher Nase
emporgereckt voll Neugier. Da

setzt es sicher Wadentritte hackt
auf Köpfe. Die Straußenaugen schatten
vorgewölbt und Wimpern flehen
Sehnsucht nach Barbariens

tunesischen Gestaden die Zunge
lappt und plappert afrikanisch
und schaurig tönt des Nachts sein
Weinen bis zu spätem Tod.

Apfelweintraum

Am Abendhimmel suche ich
die Türme der Stadt gedämpft
klingt sie herüber in meine Straße.
Kopfsteinpflaster in nassem Glanz
spärlich sprüht Regenlicht rollen Räder
behutsam als wollten sie nicht stören
Häuser zusammengerückt in einen
engen Flecken Leben wohnlich gefiltert
unter sparsamem Schein der Laternen.

Die strahlenden Wangen der Äpfel
lächeln knackig in herbstlichen
Abend die Wirtshausschilder erinnern
Sonnenwärme Wünsche nach abendlicher
Gastlichkeit honigströmenden Duft
nach Heimat unter wohnlichen
Lichtern. Mundartlachen Stimmen-
Gemeinschaft lockt hinter
dunkel getäfelte Türen.

Im Freien davor frösteln Blätter zu
kleinen Haufen in Gelb in Grün
sie kreiseln Geraschel tanzen den Herbst.
Tische Bänke vertrautes Bild aus warmen
Tagen, sie harren unverdrossen draußen,
tief drinnen hüten sie Sonnensehnsucht.
Vor feuchtgrauer Herbstmauer möchte
ich Sommer träumen.

Linie 12

straßenbahnheimat schulter an
schulter gedrängt verschworene
gemeinschaft für knapp bemessene
zeit unlösbar verbunden

über gegerbte lippen rollt rhythmisch
gemurmel perlen gleiten grün durch
finger über watteauweiße haut
streichen ebenholzhände

dunkelaugen verträumt lebhaft
leuchten farben himbeerlippen in
bond in schwarz gebettet haut
töne in allen schattierungen

schlürfendes handygewisper viel
stimmig biegsame laute neben milch
weichen muttervokalen kehliges
knurren klingender stimmenteppich

der einzelne verwischt zu gemeinschaft
freundliches licht durch sprache suchen
finden gemeinsamer wörter vielfalt
niemandem feindlich gesinnt

wir feiern 50 %

Sechsmal das Meer

(Walid Raad: Secrets in the Open Sea , ausgestellt in der Ausstellung
“Das imaginäre Museum“ im MMK 2)

Sechsmal das Meer glatt gestrichen spiegel
klar in Wassertönen: durchscheinend
blau vermischt mit Muschelweiß, Aquamarin
kühl in Lawinenlicht, Türkis kräftig getönt,
daneben rot gelacktes Pflaumenblau und
würzig dunkles Umbra, sie alle strömen
Ruhe, wiegen gezähmt die Wellen.

Glasgeschliffne Wasseroberfläche, an-
ziehend bunt, schrill und verlockend,
Stanniolpapier von Eiskonfekt wie einst ,
ich bin hypnotisch angezogen, misstraue doch
dem glatten Frieden, ich lausche ahnungsvoll ge-
fräßigen Geschichten, Medusenmeergeschichten.

Entdecke Silberschemen, Menschen auf
lichtlosem Meeresgrund. Schwanken im Sog
grasgrauer Algen, tanzen die gar im Übermut?
Ich höre tief den Atemzug des Wassers.
Dort singen Wesen ihren Körperdurst, sie
flüstern namenlose Träume. Es schweben
Seelen unausgesprochen,Tote äsen
weit am Grunde dieses falschen Blaus.
Das Meer hier ist kein Meer, es ist das Grab.

Herstblues

Zeit blass geschneidert Licht
versickert in Wolkenschäbigkeit.
Drangsaliert vom Wind die Bäume

Blätter tanzen in Todesfarben
höre ich ihren Schrei nach Leben.
Tot baumeln sie an mürrischem

Geäst Baumgerippe machen
Gegend Platz und sichtbar.
Krähen von den Dächern

fallen schneiden mir Kälte-
Melodien ins Sommerherz und
mit geschlossenen Augen atme ich

Nebelgeschmack erträume im
Dunkel Blütenfarben halte die
Sonne unter den Wimpern und

rette mir das Licht damit es
überlebt in meinen Gedanken.
 

Im Bethmann Park

I

Inmitten von Autolärm
Alltagshektik eine Insel
eingeschlossen in
Ruhe und Geborgenheit.

Beschützt von Bäumen
Ästen weit gebogen
Kyklopenmauern
unbehauen

und Löwen aufgepflanzt
zu meiner Prüfung
am engen Pfad ins
Tempelinnere.

Ein See die kühle
Wasserfläche bunt
von Blättern
goldne Kois

Ihr Kreisen weist mir
Kraft Beständigkeit.
Und Pflanzen
formen Andachtsräume.

Ein grüner Bambusvorhang
verstellt den Blick
auf wirre Welt
ein Wasserfall er

schlägt den Takt un-
ruhiger Gedankenläufe.
Ich lausche Stille
Zeit verstummt

Luft licht und klar
sie macht mich schweben
ins sanfte Himmelblau
des Horizonts.

II

Buddhas Tempel
Insel grüner Reinheit
verkehrsumtobt

die Blätter der
Platane erzittern
in Gelassenheit

tauchen die
goldnen Kois
nach Wahrheit

der Klang des
Springbrunnens
bringt mir
Klarheit des Denkens

erfahr‘ ich
Mut zur Güte
und siegt meine
Entschlossenheit

auf Buddhas
Insel grüner Reinheit
alltagsumtobt

Halbe Welt / Am Hauptbahnhof

Hinausgeweht aus
dämmrigen Portalen
Schienen schlagen
Bögen ächzen unter
Bahnen schieben Busse
plumpe Raupen
kehren Richtung Nord
und Süd und alle Welt.

Passanten gehn und retten
sich auf Bürgersteige
schauen sie und staunen
stumm und atmen
trotzig Großstadtwelt und
torkeln Fußballfans lassen
Pfeifen tanzen über langen
Heimatschals die schreien
schrill. Und

bleich ein Todgesicht
erschöpftes Schild mit
Hungerbitte und um Geld.
Fähnchen lächeln gelb und brav
Touristen folgen eisern
in Geduld und
Hoffnungslippen. Und
gertenschlank Asiaten unter
buntem Turban stadt
gewandt sie streben zentrums
wärts behände biegen sie
die schwer bereiften Arme.

Wartet sie in einem Winkel
verloren Brust geschnürt und
hoffnungslos ihr sprödes
Haar. Sein feuchter Blick
er mustert wasserblau
die bleichen Beine verfängt
im Busen lässt sie ohne
Freude stehn.   Und

unter schweren Wimpern
Dolly Buster schmollt und
schreit der Kameruner ringt
beringt die Finger in Ver-
wirrung fordert auf zum
Mitgebet. Dollys scharfe
Brüste über steilen Autokurven
locken überschallen
hoffnungsfroh den schwarzen

Silberglanz. Blond rasiert
gelockt in Boxerhaltung
rollt geschmeidig
er die Muskeln brüllt er Flüche
zornerregt und mehrfach-
sprachig.

Wafa-Bank und Iran
Airways drohen hell in
fremden Zungen. In
Chinesisch in Arabisch
Schriften schlieren aufreizend
in Farben knallen auf Beton
und Fenstergrau erflehen
Appetit auf Welt hier wo
die halbe Welt zu Hause
ist und alle sind sie
mittendrin.

Stolpern

Aufgegeben längst, du hast auf-
gehört, sie zu zählen, viel zu viele,
eingeritzt die Namen der Opfer,
derer, die verschwunden sind, in
Stein gebettet, in Asphalt, wie
Furunkel, verschorfte Haut. Messing
Plättchen, klein, unscheinbar, wie
Altgold, angelaufen.

Blinken knochenhell, wachen sie
im Boden über die Häuser, Augen
im Pflaster, im Gehweg, fordern
dich innezuhalten. Mahner auf
Fußhöhe, klingendes Metall, als
fingen sie an zu sprechen, in
aller Stille mit mächtiger Stimme
Kunde zu tun von vergangenem
Mörderwahnsinn.

In Boden gezeichneter Strich
Code den Häusern, Schamgestein
allen Bewohnern, schlagen sie stillen
Lärm, drängen sie machtvoll dir
in Kopf und Seele, körperlose
Gestalten der Toten, schwelt ver-
gifteter Atem von Erinnerung
unter der Luft in den Straßen. Lep-
röses Denkmal der Stadt, blinkend
und Seelen verstörend, ausgeliefert
den Schatten des Gedankens davon-
geschwommener Zeit, mit Macht
vorhanden, saugen mit zähen
Zungen im Gedächtnis und mahnen
Vergangenheit.

Wortgefechte

In Liebe edler Worte wollt‘ ich einst
entwerfen goldne Verse auf dein weißes
Blatt. Doch lässt du mich ideenlos und
findst nur kühles Hohngelächter meiner

Seel‘ Empfindsamkeit. Dich schimpf‘ ich Geizhals,
Wortverweigerer und Unterdrücker
meiner Fantasie. Mit Scheidung droh‘ ich
dir, mit Kampf. Erhöre meiner Seufzer

Glut. Ich fleh‘ Befreiung aus der Tränen
Qual. Durchbrich das Nebeltal der Finster-
nis. Schick Bilder mir zum Sterben süß,

gewähre mir Umarmung, Dichterfeuer,
dass ich empfange Wort für Wort aus deinem
weißen Musenmund. Gönn Gnade mir!