Nachruf (2013)

Kleine Aster, lichte Gestalt,
frühe Botin dunklerer Zeiten,
erinnerst du der mittagswarmen Tage,
der Bienen, Wespen, die über dir
summten, müde tanzten, Schmetterlinge,
Taubenflügel im Geäst, sanftes
Gräserwehen? Letzte Puderwolken,
gelb über Blütenköpfen?
Dunkellila mauve violett
wogtest du mit den anderen,
neigtest dein Haupt um Brunnen-
Ränder in flatterndem Reigen.

Verschwunden bist du, gebrochen,
geschunden. Ich weiß. Grausam dein Tod.
Gib mir dein Lied, damit ich
dein gedenke, deinen Duft,
damit ich von dir singe.

Das Gemüse (2013)

Das Gemüse,
das sie gerade
auf den Tisch
gestellt hatte,

grün und formlos
zerkocht, fettig
glänzend unter
dem Küchen-

dampf, wie hieß
das zeug noch,
ach, es war ja auch
egal, jedenfalls

merkte er, dass
der Geruch ihn ab-
stieß. Warum
musste sie ihn

immer mit so neu-
modischen Sachen
quälen, ihm di-
rekt den Appetit

verderben. Überhaupt
stieß ihn vieles
hier ab, allem voran
der Küchengeruch.

Er hielt den Mund,
sonst gäbe es wieder ein
großes Geschrei. Am besten,
er würde einfach gehen.

(Nach Brinkmann: Die Konservendose)

Annahme verweigert (2011)

(Warum ich kein Engel sein will)

 

Verlispelt du Englein
Hörst dem Herzen mit
Flatterst die Flügelchen
Verklärst frohes Locken
In Süße und Wonne
Voll Freude preislobe
So goldig rauschest
Vom Himmel hoch her
Mit andern du jauchzest
Ums Bette mir treu
Äuglein in Unschuld
Brav Kindlein mein brav
Herznackedei süß
Gehorsame mein
Mein immer dar
Mir allein.

Dir selige Unschuld
Jubilierende Welt.

An Brücken (2013)

Schwarz die Schwäne
unter Brücken segeln
hinaus aus unseren Horizonten
auf spiegelglatter
See der Erinnerungen.
Brücken sägen wuchtig
den Himmel in Stücke verlassen
nicht ihre eingefahrenen Bahnen
Pfosten schwankend
Haltepunkte vor sicherem Untergang.
Verhalten nähere ich mich
wate in Unsicherheit
im Näherkommen
schwammiger Grund
gleite ich hinab langsam
unendlich fern ich
sinke, sinke gelähmt in Angst
ich suche im Nichts
schreien will ich
erstarrt meine Lippen
kein Laut nach draußen
falle ich ins Dunkel.
Ich erwache nicht.

Traum (2013)

Trittst aus Dunkel
Linien fahl verwaschen
hohler Klang du schreitest
zäh mühsam Schritt für
Schritt hebst schwer die Füße kleben
weiter weiter wanderst
in Suche quälend ohne
Ausgang ohne Ende
auf ungefähren Bahnen
verstellen Mauern dir den
Weg Holz vernagelt Balken
verweigern weichen nicht
einsam ziehst überall fremd
dumpfe Ahnung Angst
lenkt unerbittlich du
ein Tier gesperrt in Käfig Mühle
ohne Sinn und Zweck
hängen gebliebne Zeit
verloren anheimgegeben .

Fein ein Ton kaum erst
vernehmbar achtest nicht
heller schaust du kennst
ihn licht geschliffen messerscharf
ein goldner Strahl führt
dich hinaus aus Enge
kaum erreichst den Tag
taumelst tauchst zurück
willst sinken tief in Schatten
Welten träumst dich selbst
dich greift dich packt der Tag und
Lösung findet alles.

Fes, Du erhabene Stadt (2011)

Tausend Jahre und mehr stehst Du Erhabene dort,
Wie ein Edelstein schön schimmerst Du herrlich.
Ich betrachte Dich oft
Ehrfurchtsvoll, Krone der gläubigen Welt.

Grüne Schöne, Du drängst eng an die Flanke Dich
Hingegossen am Berg, Fes Du heilige Stadt.
Steingewordene Wohnburg,
Hochgerichtet die Mauern alle.

In die Himmel hinauf steigt Dein Gebet zu Gott,
Zieht in magischem Kreis weit über Berg und Tal.
Gleich Sirenengesang
Lockt er Gläubige in Moscheen.

Tief in Gassen gedrängt wimmelt das Menschenvolk,
Stets auf Handel bedacht tätigen sie ihren Tag
Furchtsam, gläubig befolgend
Deiner strengen Gesetze Maß.

Farbige Märkte zu Hauf, Früchte, Gemüse bunt
Neben Schwaden von Rauch, würziger Weihrauchduft,
Blut, Gedärm, tote Fische.
All das macht unsre Sinne schwer.

Brunnen schenken ihr Nass üppig aus kühlem Quell.
Schatten spenden die Parks, dicht überwuchert von Grün.
Palmen wiegen die Häupter,
Jacarandas, ihr Duft blüht blau.

Einst warst fremd Du mir, fern, streng und abweisend gar,
Trau ich heute Dir ganz, finde ich Heimat in Dir.
Voll Vertrauen belausch‘ ich
Deines täglichen Lebens Lied.