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Gudrun Selten

Ein Dreiakter

Requisiten:
Drei Dunkelheitsmesser
Ein Triangel Trio
Dreizacke
Dreiräder
Ein Dreimaster
Ein Dreisatz

Akt I
Eins zwei drei
Tequila Salz Zitrone
Es ist Mai in Triest
Die Lüfte glühen
Ein Triangel Trio klimpert leise
in der südlichen Nacht

Akt  II
Die Eins
versucht sich am Dreisatz
Die Zwei
kuscheln im Gebüsch
Der Drei
fehlt Einklang

Akt  III
Ein Dreimaster liegt majestätisch im Hafen
Dreier sind sehr begehrt
Die Dunkelheitsmesser schneiden das grüne Licht
für das zwielichtige Gezücht
Die Maste schultern ihre Dreizacke
Schielen nach den Dreirädern am Pier
und machen sich davon


Roswitha Aulbach

Die Kunst Giraffen zu jagen

Rosa Rosenfeuer noch mehr Himbeergelatine
auf tüllig Blau pastell klare Schaufensterscheiben
Kalligraphien hellgrau die Streifen auf Leinwand
Nord-Westen vor Feldbergs Burgenschatten.

1 2 3  Schneeschaum Brüche pflügen Fliegermalerei

6 und 7  von West nach Osten Wolken-Wüstenei

9 bis 10  der Wind im Laube bleibt still steh’n

Augen – fliegen zur Giraffen – Himmel – Abendschau.

Unser Kampf

Anna Gulczynska – Unser Kampf

 
unsere Oma versklavt

unser Opa trank das ganze Leben
lang den Krieg weg

unsere Eltern führten daheim
den Krieg weiter

und wir Kinder

spielten den Krieg

im Hof

bewarfen uns mit Steinen
zielten mit Plastikpistolen

übten schon für später

den Hass

Echo

Rafael Alberti

Im Erlenschatten, Liebste
im Erlenschatten, nicht.
Unter der Pappel, ja,
dem Weiß und grün der Pappel.
Weißes Blatt, du,
grünes Blatt, ich.

Gerhard Schrick

Ins Schützenloch, Frau,
ins Schützenloch, nicht.
Unter den Trümmern, ja,
dem Weiß und Schwarz der Trümmer.
Weiße Fahne, du,
schwarzes Fahne, ich.


Ralf-Rainer Rygulla

nachts tanzen Ramona
tanzen noch das eine Mal
dir zuschaun jetzt
wie du dich drehst und atmest
näher zu mir
taghell für immer


Gudrun Selten

Hände, Sonnen, lichte
kennen noch nicht einander
streben nah zueinander
suchen sich für eine Liebesnacht
auf dem Himmel
der sehr heißen Haut 

Andreas W. Friederich

Schnee, zartes Weiß
kristalles Blatt

mustert sich zart im Schnee
narbend weiß überdeckter

Park Glast eingebrochen Gast
Kristall. die Spuren. Rast

Frankfurt

Anna Gulczynska

Frankfurt

Stadt
der Geldverleiher
Stadt
der Clochards
Stadt
der Pendler

autistische
kalte
autarke
fremdbleibende
Stadt

du flüchtest
in ihren Schoß
aber

sie bietet
keine
Geborgenheit

sie selbst
ist ein Ort

aus dem
man
flüchtet

hättest du
es gewusst

wäre es jetzt
nicht zu
spät

eingekesselt
eingelullt
verlegen

es reicht
nur eine
Bewegung

deiner Hand

die Stadt
gerät
ins
Vergessen

Anna Gulczynska

in Gdańsk geboren, aufgewachsen in Bydgoszcz. Abitur in Bydgoszcz. Schreibt überwiegend auf Deutsch, ab und zu auf Englisch, manchmal in ihrer Muttersprache Polnisch. Erste Veröffentlichung: Lyrik-Anthologie „Brez besed ji sledim“, Ljubljana 2015.

einige Gedichte aus:

„Lyrik am Main
Frankfurt Gedichte“

Andreas W. Friederich

Cafe Laumer

Worte rätseln Beschaulichkeit,
mehr Lau als Preis                                    
Nussbaum täfelte sich, hüben,

Knopf, Loch im Ohr, drei
die am Tisch, Geweißtes
Überschminken, Angebunden
erinnern. Bildern,

hing die Zeit am Bügel,
Lausch ein moosbraun Plausch
am Stück, dies, ich rahme. Sahne –
rücken. auf leere Stühle, zahle

allein. gebeugt vom Scheinen
Dinge die leinen, ältliches. Schüchter
Tassentellerberichte reimen
Kinderträume. Belang,-

los Fäuste am Hüstel, Nicken,
Blicke nachharm. alles stillen
Wänden, Nussbaum. in Ränder
maserte. Dämmern

 

Gerhard Schrick

(Oder)

Frankfurt ist wie ein Gedicht
doch manchmal mag ich es gar
nicht weil es zu sehr nach groß
stadt riecht und dann der Main
mit seinem Moder ich zieh bald
um nach Frankfurt – oder?

 

Roswitha Aulbach

Eiserner Steg

Stege steigen
dehnen weiten
lenken über Schluchten Tal
suchen heben Gegenseiten

hängen über leiten Wasser
Bogen wachsen Aquädukte
jagen Autos über Bahnen über
Brenner Pässe hin zum Süden
Ponte Arno Vecchio
krönen Häuser Handel Mythen

Alte Brücke Neue Brücke
Frankfurt Main erleben
hell die Achsen Euro Banken
Schlösser zeugen Liebesbande
über Schiffe Ruderer und Kähne
Möwen vor mir weiß in Reihe
stählerne Streben des Eisernen Steges

 

Ralf-Rainer Rygulla

Heimat 1 bis 4

meine erste Heimat
war ein Armvoll schöner Steine
rechts vom Außenlager

meine zweite
war ein Sack Kastanien
bekam vier Groschen dafür

die dritte Heimat
war das Zentrum der Welt
aus dem ich vertrieben wurde

die vierte
die längste
verhandelt mit mir

 

Susanne Thauer

dribbdebach

samstag abnd. dribbdebach. im
alde chavellsche. wie jedn
abnd. geschrei. geplärr.
äbbelwoidunst. faust
aufn tisch. schlachtplatte.

mit kraut. hier euern weckzeusch.
witz messerscharf. die
schlacht findet im saale
statt. kampfstiere gemeinsam
gegeneinander. blick in
die runde. schulterzuckn.

schlächtschwätzer.
babbelarsch. luft
explodiert in gelächter.
spottgewitter saftig um
die ohren gerauscht.
spitzes lachen. ein
ton un du kimmst in die
supp. künstlich
geschichtete weltsicht.
sprache faulzüngig
hinter den zähnen. wörter
schnelle lippenakte.
speichelteufel. stöffsche

bembelweis. tiefgespritzt.
„herr dokter, isch leid an dorscht“.
gereckten kopfs.
jeder gast mit herzlichem
willkomm. nasen ohren
flügelweit gesperrt. Immer
gierig nach neuem. und
offen für die welt.

 

Gudrun Selten

Herbst im Westend

Eine kahle Kastanie
elf Krähen still
sitzen
auf feinen Linien
im Gegenlicht
bewegungslos
wie die aus Blech –
Zeichnung in Tusche

Ein kleiner Nebel
meint dem Bild Zärtlichkeit
die Konturen weich
die Farbe nachtblau

Ein rabaukiger Hubschrauber
fliegt Streife
elf Krähen erheben sich
auf
davon

 

Aktuelles

Gudrun Selten

Zäune

Draht
ein Fetzen Jeans
bewegt im Wind
ein Gebet

 

Susanne Thauer

Dschidda
                für Uthmann

Wände aus Beton sie
schwitzen Einsamkeit
unter blaukaltem Licht du
stehst gefesselt an diesen
Ort Suchbild wo niemand
dich sucht Menschen

Scharen abgestoßen sie
wenden sich von
dir fliehen mit tauben
Augen dein Kopf leer alles
Erinnern gelöscht dein
Gesicht

unfindbar verloren Pläne
zerrostet die Schutz
mauern Ruinen luft
dicht verschweißt dein
Lebensmut Zukunft

Vergangenheit nie
geschehen du schweigst
entgegen Zeiten Augen
loser Dürre kein Blick
zurück zu dem Haus
deiner Kindheit deines
Kindes.
 

Gerhard Schrick

Unvergessen

Du deutscher Staat! Klingt die Leistung des Generalstaatsanwalts
Bauer nicht in Deinen Ohren, die Rede des Präsidenten zum Tage
Deiner Befreiung? Du wurdest aufgenommen in den Kulturkreis
der Anderen im Westen. Der Kniefall des Kanzlers im Osten.

Du wurdest reich beschenkt. Wiedervereint und mächtig wie nie.
Mahnende Stimmen erhoben sich und warnten, dass Deine
Erfolge gefährdet seien, wenn ihr historisches Fundament nicht
gepflegt und für die Zukunft aufbereitet werde.

Aber viele Deiner Bürger spielten Monopoly und hofften auf den
individuellen wirtschaftlichen Erfolg, gesichert durch das System
Deiner Wohlfahrt. So wurden die Reichen reicher und Deine Mitte
blutet. Beginnt zu kochen.

Vergessen sich und die auf dem nassen Stroh warten. Das eisige Tau
am Morgen. Erinnere Dich! Deine Menschen hätten nicht überlebt.
Du wurdest erwachsen durch den Grundsatz der Menschlichkeit.
Hobbes hat seinen Beitrag geleistet – dennoch: WIR schaffen es?

WIR

Wer bitte ist Das Volk? Ich, du , er, sie, es, ihr, sie?
WIR? Gestern, heute, morgen, damals, in Zukunft?
Einmal vor und schnell zurück. Wende hoch zwei.
Immer im Kreis. Der Kopf dreht sich. Schwipp
Schwapp Schwindel. Wir kriegen neue Kindel.
Und sind sie einmal da, dann ruft es: Inschallah!,
Doch Andre schreien: Kein Etat!
Denn dieses Volk hat zwei Gesichter: Sein Gelichter
Und die Dichter. So werden wir es schaffen. Schnell
Unser Zeug zusammenraffen. Um dann die Flucht
Zurück zu schaffen. Doch ja, wir sind ein feines Volk.
Nach allen Seiten offen. Wir hören uns die Klagen
An, mitleiden uns besoffen. Versprechen, Wann?
Bald! Frieden ist. Wir werden eine Kreuzfahrt
buchen und sie im Mittelmeer besuchen.

zu: borg

Susanne Thauer

BORK

bork an bork         –         ins ohr gestopft
oho!                       –        ohne borg kein brot
oder ontologisch   –         ohren offen
und die borke?     –         knorke, kopf an zopf
die morgue?         –         tote hosen vermodern
besorg den bork   –         nur oben ohne
ein rohr im moor –           zum donner!
und das ohr?         –        vorm labor
sagt herr bork:     –          ein morgen ohne morde
und dann noch:     –         korn im ofen ist besser als
ein horn im moos
röhrt herr bork     –           tor! tor!
volles rohr! von vorn!

 

Gerhard Schrick

zu:borg

I

bitte bork mir d enkäfer lucrezi kumm a mit!
ich borg ihn dir ward bis morgen heut brauch ihn
my family. geh zu björn kennst nicht den all star
vom roten platz, heut fristet er koks auf weißer weste,
träumt vom ball aus dem all beim french open. nimm
einfach den schlüssel:
und die assimilation schritt vorzum hai fischbecken hollywoods,
tauchte ein in die kybernetisch gestützte
welt geborgter macht. grüße ingeborg

II

borgt mir borgs bork(en)
käfer to assimilate the borgs
planet and borgia’s showtime

 

Roswitha Aulbach

Eisborg

Borge Schaufel und Schlitten
folge den stäubenden Stiefeln der Eisfee
so schenke ich dir Zeit.

Versinken Berge Gräben in Azaleenweiß
brechen Spitzen
so brenne ich Bilder
von einsamen Flüssen
Tannenkristalle auf
kalt geborgte Haut.

 

Dämmerung

Roswitha Aulbach

Dämmern mit Novalis

Schlaf, Schlaf, heilige Steilen
der Nacht erklommen
raues Getümmel
Blenden Schatten auf Mauern.

Nacht, heilige, für alle bestimmt
suche ich Thanatos Hypnos
Brüder für Nacht und Dunkel
mit Novalis Hymnen die Liebe
in Nacht Erlösung des Tages Sünden?
Finden blind die Augen geheime Orte
dämmert der Schmerz fliegt
durch Wort und Gedanke
wie Fluten durch Fische bewegt
behutsam das Schweigen.

 

Susanne Thauer

Winterwärts

Schleicht heran Dämmerung
angelaufenes Metall kalt
schmilzt Weiß in Matt
Wolken dünnhäutig fließen
grau.

Langsam schluckt Dunkelheit
Linien zerlaufen wie Finger
Farben verschwinden unter dem
Tuch der Nacht alles saugt
Stille auf.

Verweht Krähengelächter
Gegend kriecht davon in
Einsamkeit Bäume lehnen ins
Dunkel blätterlos.

Kälte zerrt eng wie Folie
zusammengeklappt in Winter
Dasein stehen sie mit abend
müden Augen ersehnen das
Licht.

Ich habe nichts zu sagen
finde keinen Trost. Mit schweren
Augen starre ich in die abgestandne
Kälte den leeren Winter.

 

Gerhard Schrick

Tagundnachtgleiche

 sie dämmen nass dahin.bis einer bricht.
in hamburg ward geflutet. lange geht das
nicht mehr gut. doch die säcke liegen b(e)reit.

in bayreuth geht die ex post ab, anfrage
wagner: wann erlischt das licht der götter?
wegen der premiere. alle sind geladen.
im saal flammen die zeuglichter auf.
die kraftwerke, ausgeschaltet, wie sie sind,
ein prost auf alle, die schon im dunkeln sitzen.

wir hingegen tasten uns im ergrautem raum
blind voran und verschwinden sorgenfrei:
halbschattig grünplätzchen gedämmtes
senioren heim (ins reich) mit einschlafsuite.
des nachts im dämmerlicht schafe hüten – gleich!
geschaltet (alles wird gut) und zum mondscheintarif
abkassiert. das zählt!

das rauschen der schlaf-television implodiert endlich
in einem punkt. und verdämmert die welt. autonome
schein werfer scannen sie erhellend ab. verlust
des übergangs: Tagundnachtgleiche. der mensch

 

Andreas W. Friederich

dämmen, eigentlich
dämmerung

es dämmerte und lämmerte
tierlein anhimmeln, woben·
mond· kämmte strich ( horizomt )
wollige wolken zogen

ins paradeis · verschloss sich leis
dem zottigen begehren und
ruhe schob und randet
kreis am mondesbogen

saßen drei weiber sichelverlauf
baumelten männer drei quer
es reift ihnen nacht_

licht ·schäfernd gewacht
vom dämmern schon leer
dachten · den dunkel
verzehr

 

Gudrun Selten

Dämmerung

Zu dieser Zeit des Tages
nehme ich die Luft
in die Hand,
Materie aus Farbe.
Die Metamorphose berührt
die Augen der Vögel,
faltet Kunstwerke aus den Blüten,
das Summen der Insekten verklingt.

Glühbirnen schimmern,
die Luft trägt
dichtere Farbschichten auf,
die Dämmerung
geht hinüber in die Nacht.
Ich trete durch eine blaue Mauer,
meine Schultern berühren sie nicht.
Die Stadt feiert den Abend.

Die Jagd beginnt –

Haiku und Haiküsse

Roswitha Aulbach, Heiku im August

Schwarze Straße kocht
Blaue Fliegen stechen tief
Haut am Beerengrund

Golden Frosch quakt laut
frisst die Fliege grün mit Haut
thront im Mückenmond

Wespen schlürfen Eis
im Glas schwimmt Dornenauge
braun flammt Gras der Stein

Käfigkehlchen pfeift
vertreibt des Morgens Ruhe
sitzt in Katers Maul


Susanne Thauer

Sonnendunkel strömt
in der Mittagshitze schlaf
trunkener Gassen.

Dunkle Muster malt
die Sonne auf den Boden
am Augustmittag.

Vollmond schwebt im Bann
goldroter Wolkenmeere
in Mittsommernacht.

Trotzt der Vogel der
Schwerkraft, fliegt zu der Wolken
wattiger Leichtheit.

Schrill platzt der Tropfen
auf den schweren Boden im
kühlen Aprilwind.


Gudrun Selten

Schneeflockenchaos
Weiße Bäuschchen im Feld und
Frostige Füße

Beim Kirschblütenfest
Von prallrotem Sommer
Träumende Münder

Schneeflockentanz
Dem Felde ein Hochzeitskleid
Samtweiches Weißes

Kirschblüten im Schnee
Synthese aller Farben
Mit Rosahauch

Der Frostarchitekt zeigt
mit schwarzem Zylinder
Schneemannes Würde

Ralf-Rainer Rygulla, Haiku*

angst immer
nur angst
assholes

Zugluft
über allen
Wipfeln ist Ruh

Finanzausgleich
verschoben.
Eineuroshop.

Vollumfänglich
deutlich machen.
Ein Stück weit.

Schiller umrollt
Laura unschuldsvoll.
Teufel schmollen.

Gerda
sucht Heinz.
Akku leer.

Gleiche Umstände, selbe Zeit.
Ein Teller Rosinen.
Die Mühe, sie zu zählen.

Tinnitus
Musik liegt
in der Luft

Die Kälte beschlägt
das Glas.
Perlenhülle.

Immobilie
keiner verlässt
den Raum

kohlrabi auflauf
zwei mal
tellerfpand

Ich muss verrückt
geworden sein,
sich in dich zu verlieben.

Friede
Freude
Eierkuchen


Andreas W. Friederich, Aufgebrochen

Sprungeises Reisen
unter Weg Wagnis buntes
Erwachen ein Grün

der Schnee facht weißrein
stäubend undulde Blicke
der schwarze Abdruck

in weicher Landschaft
flußauf zu legen Risse
Verbliebenes deckt

den Häuserwänden
Tische gesichte Flecken
Leinen erhaben

Schneebilder gähnen
Moose und Flechten heften
unter den Schritten


Gerhard Schrick, haiküsse**

ich möchte auf
sitzen in den sätteln.
zu vielen auch

die sonne strahlt
in meine arme.
und beben mächtig.

mein mienenspiel
im mittelfeld schwarz
abgepfiffen.

wie geht es deiner ex?
die antwort ist komplex:
vor allem fehlt ihr sex.

Ein Männlein steht im
Wald ganz still. Stumm
brachte es die Kindlein um.


* Scheiß Haikus
**vielen Dank an RR für die Übersendung der 3 Beiträge. Sie zeigen, dass wir uns gestern eigentlich „für die Katz “ gestritten haben, wenn man sieht, wie weit gespannt und tolerant das gegenwärtige Verständnis von Haikus ist – insbesondere an der Diskussion der deutschen haiku gesellschaft zu sehen. Damit haben die „recht“ gehabt, die für sich inhaltlich und formal eine großzügigere, abweichende, vielleicht auch Antihaltung zum strengen Haikukonzept (früher deutscher Prägung) für sich in Anspruch nehmen. (Ich zähle mich dazu, obwohl ich von den Hintergründen nichts wusste) – aber es es ist immer die gleiche Frage: verbleibe ich im Traditionellen – oder besser: will ich es so – oder nicht. Das gilt auch für das Sonett, wie Jan Wagner zeigt, der beide Formen mit Freude praktiziert.
      Übertragen auf Haiku heißt das: wenn z.B. Andreas und Gudrun in strenger Form schreiben wollen – nur zu. Entweder bleiben sie dabei oder gehen später weiter. Andere bleiben bei der Natur (Roswitha?) oder auch nicht. Alles ist schön, akzeptabel und spannend.        Angesichts des Diskusssionstandes und  der praktischen Beiträge stellt sich m.E. nicht die Frage: was ist Haiku und was ist kein Haiku. Die Grenze zerfließt. Man mag das bedauern – aber so ist unsere Gesellschaft angelegt. Einheit stiftet nicht eine formale Definition, sondern – so kompliziert und widersprüchlich das manchmal auch ist – der lebendige gesellschaftliche Diskurs selbst, der nie auf „einen Nenner kommt“. In unserem besonderen Fall ist es noch komplizierter, weil wir mit einem anderen, alten ,aber auch sehr lebendigen außerwestlichen Denken klarkommen müssen.