Dämmerung

Roswitha Aulbach

Dämmern mit Novalis

Schlaf, Schlaf, heilige Steilen
der Nacht erklommen
raues Getümmel
Blenden Schatten auf Mauern.

Nacht, heilige, für alle bestimmt
suche ich Thanatos Hypnos
Brüder für Nacht und Dunkel
mit Novalis Hymnen die Liebe
in Nacht Erlösung des Tages Sünden?
Finden blind die Augen geheime Orte
dämmert der Schmerz fliegt
durch Wort und Gedanke
wie Fluten durch Fische bewegt
behutsam das Schweigen.

 

Susanne Thauer

Winterwärts

Schleicht heran Dämmerung
angelaufenes Metall kalt
schmilzt Weiß in Matt
Wolken dünnhäutig fließen
grau.

Langsam schluckt Dunkelheit
Linien zerlaufen wie Finger
Farben verschwinden unter dem
Tuch der Nacht alles saugt
Stille auf.

Verweht Krähengelächter
Gegend kriecht davon in
Einsamkeit Bäume lehnen ins
Dunkel blätterlos.

Kälte zerrt eng wie Folie
zusammengeklappt in Winter
Dasein stehen sie mit abend
müden Augen ersehnen das
Licht.

Ich habe nichts zu sagen
finde keinen Trost. Mit schweren
Augen starre ich in die abgestandne
Kälte den leeren Winter.

 

Gerhard Schrick

Tagundnachtgleiche

 sie dämmen nass dahin.bis einer bricht.
in hamburg ward geflutet. lange geht das
nicht mehr gut. doch die säcke liegen b(e)reit.

in bayreuth geht die ex post ab, anfrage
wagner: wann erlischt das licht der götter?
wegen der premiere. alle sind geladen.
im saal flammen die zeuglichter auf.
die kraftwerke, ausgeschaltet, wie sie sind,
ein prost auf alle, die schon im dunkeln sitzen.

wir hingegen tasten uns im ergrautem raum
blind voran und verschwinden sorgenfrei:
halbschattig grünplätzchen gedämmtes
senioren heim (ins reich) mit einschlafsuite.
des nachts im dämmerlicht schafe hüten – gleich!
geschaltet (alles wird gut) und zum mondscheintarif
abkassiert. das zählt!

das rauschen der schlaf-television implodiert endlich
in einem punkt. und verdämmert die welt. autonome
schein werfer scannen sie erhellend ab. verlust
des übergangs: Tagundnachtgleiche. der mensch

 

Andreas W. Friederich

dämmen, eigentlich
dämmerung

es dämmerte und lämmerte
tierlein anhimmeln, woben·
mond· kämmte strich ( horizomt )
wollige wolken zogen

ins paradeis · verschloss sich leis
dem zottigen begehren und
ruhe schob und randet
kreis am mondesbogen

saßen drei weiber sichelverlauf
baumelten männer drei quer
es reift ihnen nacht_

licht ·schäfernd gewacht
vom dämmern schon leer
dachten · den dunkel
verzehr

 

Gudrun Selten

Dämmerung

Zu dieser Zeit des Tages
nehme ich die Luft
in die Hand,
Materie aus Farbe.
Die Metamorphose berührt
die Augen der Vögel,
faltet Kunstwerke aus den Blüten,
das Summen der Insekten verklingt.

Glühbirnen schimmern,
die Luft trägt
dichtere Farbschichten auf,
die Dämmerung
geht hinüber in die Nacht.
Ich trete durch eine blaue Mauer,
meine Schultern berühren sie nicht.
Die Stadt feiert den Abend.

Die Jagd beginnt –