Haiku und Haiküsse

Roswitha Aulbach, Heiku im August

Schwarze Straße kocht
Blaue Fliegen stechen tief
Haut am Beerengrund

Golden Frosch quakt laut
frisst die Fliege grün mit Haut
thront im Mückenmond

Wespen schlürfen Eis
im Glas schwimmt Dornenauge
braun flammt Gras der Stein

Käfigkehlchen pfeift
vertreibt des Morgens Ruhe
sitzt in Katers Maul


Susanne Thauer

Sonnendunkel strömt
in der Mittagshitze schlaf
trunkener Gassen.

Dunkle Muster malt
die Sonne auf den Boden
am Augustmittag.

Vollmond schwebt im Bann
goldroter Wolkenmeere
in Mittsommernacht.

Trotzt der Vogel der
Schwerkraft, fliegt zu der Wolken
wattiger Leichtheit.

Schrill platzt der Tropfen
auf den schweren Boden im
kühlen Aprilwind.


Gudrun Selten

Schneeflockenchaos
Weiße Bäuschchen im Feld und
Frostige Füße

Beim Kirschblütenfest
Von prallrotem Sommer
Träumende Münder

Schneeflockentanz
Dem Felde ein Hochzeitskleid
Samtweiches Weißes

Kirschblüten im Schnee
Synthese aller Farben
Mit Rosahauch

Der Frostarchitekt zeigt
mit schwarzem Zylinder
Schneemannes Würde

Ralf-Rainer Rygulla, Haiku*

angst immer
nur angst
assholes

Zugluft
über allen
Wipfeln ist Ruh

Finanzausgleich
verschoben.
Eineuroshop.

Vollumfänglich
deutlich machen.
Ein Stück weit.

Schiller umrollt
Laura unschuldsvoll.
Teufel schmollen.

Gerda
sucht Heinz.
Akku leer.

Gleiche Umstände, selbe Zeit.
Ein Teller Rosinen.
Die Mühe, sie zu zählen.

Tinnitus
Musik liegt
in der Luft

Die Kälte beschlägt
das Glas.
Perlenhülle.

Immobilie
keiner verlässt
den Raum

kohlrabi auflauf
zwei mal
tellerfpand

Ich muss verrückt
geworden sein,
sich in dich zu verlieben.

Friede
Freude
Eierkuchen


Andreas W. Friederich, Aufgebrochen

Sprungeises Reisen
unter Weg Wagnis buntes
Erwachen ein Grün

der Schnee facht weißrein
stäubend undulde Blicke
der schwarze Abdruck

in weicher Landschaft
flußauf zu legen Risse
Verbliebenes deckt

den Häuserwänden
Tische gesichte Flecken
Leinen erhaben

Schneebilder gähnen
Moose und Flechten heften
unter den Schritten


Gerhard Schrick, haiküsse**

ich möchte auf
sitzen in den sätteln.
zu vielen auch

die sonne strahlt
in meine arme.
und beben mächtig.

mein mienenspiel
im mittelfeld schwarz
abgepfiffen.

wie geht es deiner ex?
die antwort ist komplex:
vor allem fehlt ihr sex.

Ein Männlein steht im
Wald ganz still. Stumm
brachte es die Kindlein um.


* Scheiß Haikus
**vielen Dank an RR für die Übersendung der 3 Beiträge. Sie zeigen, dass wir uns gestern eigentlich „für die Katz “ gestritten haben, wenn man sieht, wie weit gespannt und tolerant das gegenwärtige Verständnis von Haikus ist – insbesondere an der Diskussion der deutschen haiku gesellschaft zu sehen. Damit haben die „recht“ gehabt, die für sich inhaltlich und formal eine großzügigere, abweichende, vielleicht auch Antihaltung zum strengen Haikukonzept (früher deutscher Prägung) für sich in Anspruch nehmen. (Ich zähle mich dazu, obwohl ich von den Hintergründen nichts wusste) – aber es es ist immer die gleiche Frage: verbleibe ich im Traditionellen – oder besser: will ich es so – oder nicht. Das gilt auch für das Sonett, wie Jan Wagner zeigt, der beide Formen mit Freude praktiziert.
      Übertragen auf Haiku heißt das: wenn z.B. Andreas und Gudrun in strenger Form schreiben wollen – nur zu. Entweder bleiben sie dabei oder gehen später weiter. Andere bleiben bei der Natur (Roswitha?) oder auch nicht. Alles ist schön, akzeptabel und spannend.        Angesichts des Diskusssionstandes und  der praktischen Beiträge stellt sich m.E. nicht die Frage: was ist Haiku und was ist kein Haiku. Die Grenze zerfließt. Man mag das bedauern – aber so ist unsere Gesellschaft angelegt. Einheit stiftet nicht eine formale Definition, sondern – so kompliziert und widersprüchlich das manchmal auch ist – der lebendige gesellschaftliche Diskurs selbst, der nie auf „einen Nenner kommt“. In unserem besonderen Fall ist es noch komplizierter, weil wir mit einem anderen, alten ,aber auch sehr lebendigen außerwestlichen Denken klarkommen müssen.