HEIMAT

Roswitha Aulbach

Heimat oder
wie ein Kamel zum Weinen kommt

Es dauert bis die Sterne über Haus und Himmel
dieselben sind wie sie eine Straße weiter leuchten.
Eingewöhnen nennt es das Herz.
Es dauert bis das Kind seine Förmchen
erkennt und mit anderen spielt.
Erziehung Sandkastenspiele.
… bis man die Kirschen an Nachbars Bäumen läßt.
Aus Verlangen nach Land Liebe und Mehr
die Gier fällt über Tröstliches her.

Es dauert bis man wieder nach Hause will
zurück zu früheren Zeiten
Formationen vertrauter Bäume Gebäude
und Freunde sucht und scheitert
Gerüche von Glück Schutz im Schilde gewärmt
Abenteuer wie Stachelbeermus reife Haut
geplatzt gestreut ins Niemandsland.

Flaum Weidenkätzchenbaum
streicht im Märzenwind dein Haar
so dünn unnahbare
Pracht der Wickler Eiskonfekt
durch Hitze und Sand Heimat
getriebene durch Nadelöhr ein Kamel
durchtränkt von Gesang Tränen
über Verlorenes und deren Wiederkehr
Luftspiegelung über Gobi

 

Andreas Werner Friederich

Kartenhaus

Daheim
zur Bleibe, dem Orte,
das ist sie, wie
Zeitbräute, heute
ausgewandert Land-
flucht der Erben Besitz, des
Bürgers Recht der Orte Heimat

Heimat
epochenungeschoren die
Staatszensoren,
Invasoren,
Investoren,
in dir noch heimlich
Land. den Vätern.

Hei,     die Jugend
Ei,       das Werden
Heim,   im Sein
Mahd, die schnitt
ein.
geboren,
kein Anspruch,
da steh ich vor der Tür,
in ihr
und ging hinein,
es sang in mir
das Wir,
ein nimmersatt
Umfassen
blieb,
bewohnter Zauber müht
im Brauch,
kein Anspruch
und gehe mit der Tür
von hier,
Portier, ich selbst.
die Heimat längst
in mir.zurück
geboren
kein Anspruch
nur ein Glück.

 

Gerhard Schrick

Schwarze Heimat

Auf dem Bock in kühler Nacht. Die Schlacht
mit dem wilden Mann. Anschläger, alter Kumpel.
Pass auf. Nase zu und durch. Knack und zischt.
Grell, dunkel, grell, dunkel zur Sohle. Deine
Marke, kommt später zurück. Lass Barbara mal
machen. Per Bahn gequetscht. Dazwischen
Schnarchen und Schmatzen. Ist zum Schießen,
der Nachbar still. Es stinkt. Blindschacht. Raus
durch den Matsch. Stempelausbau mit Hobel.
Frische Wetter vor Ort. Der Berggeist ruft. Mäuse
fressen unser Brot. Bei achtzig Zentimeter. Flöz
Ernestine? Kann mich nicht erinnern. Da waren
einige unter dem Sargdeckel. Farblos abkehren.
Sauber aufgewacht. Eine Marke hab ich noch.
Glückauf!


Gudrun Selten

Heimaten

werden im Kriege ausgeteilt
Fliehende haben dann mehrere
eine gottgegebene, die hatte
Vogelbeerbäume zwölf Häuser
im Dorf, garstigen Wind auf der Höhe
meine Mutter hatte so eine
Heimatvertriebenene sei sie
so sagte sie, lebte das bis zum Tod
Anwurzeln undenkbar doch und so
undankbar von der neuen Generation
Gefühle und Bäume wurzeln tieffest
ein Bauer Bäume verpflanzt nie

Politik merci

angekommen aus der Ferne
stehlen Arbeit und alles die
Platz zusätzlicher Aufwand
Heimat erleben kaum möglich für die
Heimat braucht offene Arme

same old story – andere Farbe – gestern

Unbenannt1

 

Susanne Thauer

Abendheimat

Im Abendlicht die Sonnenschatten
lang gestreckt und länger, hinab
an schroffen Flanken naher Berge,
immer tiefer lecken sie zum Grund,
Gazeschleier, trübe Strahlen schicken

sie in frühes Dämmern und erste
Feuer Lampenlichter glimmen.
Strenge Linien weichgerundet,
aufgelöst in frühe Dunkelheit, im
Schattenreich die sichre Abendstunde

naht, Geborgenheit im warmen Hauch
der Dämmerung, und Bäume Büsche
kauern unklar hinterm Zaun und
schwinden fern die Häuser, nur Blatt
Werk fächelt, flüstert Windhauch.

Alles flüchtigt in Erwartung mit dem
Licht, entfernt das Harte, nüchtern
Altgediente wie im Traum, fasst Wärme
mühelos, wandelt Trost in Süße,
bietet geräumig Zeit zu Sicherheit, und
wartet Stille. Der Tag hat heimgefunden.