Kollektivtext

Kollektivtext (Ringelrein)

Gerhard
Ein Leb sich nicht auf leben reimt.
Dein Leb? Mein Leb? Unser Leb?
Eine Idee. Vom Anfang bis zum Ende:
Plattitüden. Wimpernschläge zwischen
Ewigkeiten. Alles dreht und verschwimmt.
Ich renn los! Du rennst los. Rennt bloß los!
Susanne
Wer wob Worte
falsch wob Ruch?
Verrucht der Bruch am
Vers im Buch!
Unmut Unwucht!
Fluch dem Betrug am
Vers im Buch Bruch
Am Wort ruchloser
Vers Fluch ver- flucht!
RR
Ja da dreht man sich um, da kann man straflos rückwärts schauen Verzierung genießen, eingreifen und ändern gar, da kann man Verstehen sich gefallen lassen, ein zarter Schwindel wie von gutem Koks am Morgen weit entfernt und ohne Gefahr in Girlanden zu ersticken.
Gudrun
Worte brechen in Stücke
Bruchstücke aus Lettern
Bruchstücke aus Wortbruch
bauen neue Worte.
Andreas
Annas Blümchen seufzte tief,
rudi ment er dicht, beschlief.
Turm im rudimenten Schrei,
Annas Blume, Lorelei.
Roswitha
So rot dein Tod so weich dein Haar
entzücken schmücken rote Wicken
mein Beingeschmeide auf Altar
Komm wir gehen zum Basar
und kaufen uns ein Dromedar
mit spektakelrotem Haar
Andreas
selber Süppchen sein jeder kocht
Feuer, Wasser, Geistesjoch
Rede flüssig Wirkung weise
Magenwärmer diene Bauch
Schwein das raucht
dörres Obst verbraucht.
Susanne
Kleingeredet. Alles. Vor anderen,
Bettgeflüster. Ihre Blicke
nerzumflort. An Oktober

roten Höhen. Dort lagern sie,
nebelhaft umrissen,
sie singen ihre Hormone
im Schmerzhaus der Unlust.
Mache dich auf, lege deine
Arme um sie. Im frisch-
blühenden Morgentau spiegeln
die Sterne. Am Wendekreis
der Erstgeborenen: Sprechstunde
geschlossen. Halt ein die Furcht-
Blase und lass sie klein
reden. Zögere nicht. Gehe über Los.
Gerhard
Ein rechter Dichter drückt in seiner Tonne.
Ein Linker hat sich im Gestrüpp verfangen.
Der Leser sieht es mit gewollter Wonne
als wären ihm die Lichter ausgegangen.
RR
Es macht einfach schlechte Laune
hier zu liegen, mir und
Passanten, die eventuell einen Blick
werfen. Wortlos drücke ich Geschichten
aus zur Rechtfertigung. Sie sind
voller Tippfehler, wie Heimat, Heirat oder
Tomatenernte und um Schlimmeres
zu vermeiden, nicke ich
Zustimmung seitwärts.
Gudrun
Ich werde euch
Auf kleiner Flamme kochen
Einfach nur mit Wasser kochen!
Dann sorgfältig ausbeinen
Ich werde euch Schaum unterheben
Vorher eine Farce machen
Durchkneten bis zur Integrität
Endlich gehen lassen
Bis ihr durchgezogen seid
Zähes Fleisch braucht viel Liebe
Vorher bigarrieren und ficillieren
Abgeschmeckt wird nach gusto
RR
Zielkochen. Daneben kochen.
Selbstbestimmt abkochen.
Knochen kochen.
Garen und warten, und warten…
Andreas
Saßen beisammen, dem Streitlerchenpferch,
Wortleicheföhnen, Saucieresoufleuse
Gerippe Reimstuhl, Schwielen vom Zwerch,
foliante barfuss, katherfrisös
Metapher, Kadaver quer, kapriziös.
Roswitha
Retrorotes Radieschen
küsst mein fleißiges Lieschen
auf den himbeerroten Mund.
Nacktschnecken kommen in Scharen
wollen sich dort paaren
wo Kirschsaftrot aus Bäumen quillt.
Geranien und Buschrosen
wollten sich liebkosen
doch der Förster aus dem Wald
verbot das rote Spiel gar bald.
Andreas
Annas Blümchen seufzte tief,
rudi ment er dicht, beschlief.
Turm im rudimenten Schrei,
Annas Blume, Lorelei
Gerhard
Der tote maulwurf in rückenlage
erlöst von untergründiger mühsaal
der igel im brunnen auf dem weg in
den winterschlaf Du alte silberpapel
ortsbekannte schönheit der straße
mein bild ist randvoll mit gelbem raps.
randvoll!
Susanne
Verlispelt du Englein
Hörst dem Herzen mit
Flatterst die Flügelchen
Verklärst frohes Locken
In Süße und Wonne
Voll Freude preislobe
So goldig rauschest
Vom Himmel hoch her
Mit andern du jauchzest
Ums Bette mir treu
Äuglein in Unschuld
Brav Kindlein mein brav
Herznackedei süß
Gehorsame mein
Mein immer dar
Mir allein.
RR
Jetzt sammel ich blaue Flecken
wenn ich durch mein Zimmer geh.
Gudrun
Er sieht so müde aus
auf dem Mäuerchen
graufurchig wie der Weg
neben dem Haus
abwesend
schüttelt er den Kopf
nur zu sich selbst
Er betrachtet
seine staubigen Schuhe
Ein Blatt liegt darauf
Er öffnet den obersten Knopf
an seinem Hemd
Er kann nicht atmen
seit langem schon nicht
Sie ist gegangen
seit langem schon
Er hat sie nicht gesucht
wenn sie es ist die geht
Niemand sieht ihn
nur ich aus der Ferne
So hat er sich das
nicht vorgestellt
RR
Ich sammel blaue Flecken
wenn ich durch mein Zimmer geh.
Roswitha
Die Stille blaue Stunde
läßt mich mit dem Tage sterben
läßt silberne Sichel
vom schwärzenden Himmel fallen
Wellen von Wermut schlagen
auf meinen Stahl
deinen Hals zu greifen
ich falle steige
schriller Ton im Ohr verstummt
gehörnter Traum
Gelegenheiten
verloren zwischen Tag und Nacht
RR
Ich sammel blaue Flecken
wenn ich durch mein Zimmer geh.
Roswitha
Trieb früh mein Spiel mit dir
bedruckt leicht verfügbar
flog ich auf deiner Wiese dahin
schrieb was ich nicht sagen konnte
bleibst wenn alle gehen
duldend in Geselligkeit
Andreas
Ein Gedanke aus einer hellen Nacht
fließt weiter,
weiß beständig den Mund
wenn der Grund hält,
dann liegt das Dunkel zu Füßen der Nacht,
nichts entgegen,
schlingt schrittweis Luft,
die wenig verwundert merkt
von Epilogen
mitinnen,
ein Funkenglimmen,
Begleiten,
Reisen in Schlafes
Zwischenschüben Augenblickrastlassen
in Werten, Zeilen
gleichgewichte, Schneespur
schwitzen,
grünwasserdrifte
Blickwichtung, Bestände schnüren Leichtes,
wertgegeben anzulegen,
reden aus einer
hellen Nacht.
Aus Bleichem sinne zeichenreif das
Miteinander türen,
endlich Zeile auf
fließende
Werte führen.
Susanne
Die Straßen sind wie aufgemalt, die Häuser
geben sich keine Mühe, sind einfach Häuser,
der schäbige Himmel hängt wie immer.
Gudrun
Weiß
weißer
am weißesten
noch weißer
augenschmerzweiß
was’n scheiß   so weiß
Gerhard
Und später rot, nach der Besichtigung des
strahlenden Sonnenuntergangs vom
Balkon des Stadthauses in Berlin-Mitte,
gab es blutige Steaks vom Grill mit
Blaukraut, dazu Merlot von Leo Müller
„kennst du doch, oder?“
den sie extra für ihn besorgt habe, sagte
sie, als sie in ihrem roten Negligee aus
dem Bad kam und dass sie den Wein
auch im Bett trinken könnten,
wo er später die verwaschenen Rotwein-
flecken auf seinem Laken im Licht der
aufgehenden Sonne betrachtete
(sie war eingeschlafen),
danach aufstand, sich die Füße zerschnitt,
als er barfuß aus der fremden Wohnung
schlich und das volle Glas übersah, das
sie ihm in den Weg gestellt hatte.
RR
Ich habe heute Kasse gemacht, dann die
gebrauchten Teile abgeladen, heikel
das Passieren der Posten
die Hallen platzen mit Leergut
niemand bereit die Tarife zu zahlen
die Mitläufer drehen ab
heimliches Valuta zählen, mit
verlängertem Leben spekulieren
Blut war jetzt Bares
Da standen drei noch brauchbare Stühle
Finanziert und durchgerutscht
niemand wollte sich setzen,
Angst und Statistik, same shit
abgehauen, in Preungesheim heimlich
Gebrauchtwagen aufgekauft.
Dann gab es Freibier, Lachen
und Winken und die Gewissheit
Jetzt ist Jeder finanzierbar.
Gudrun
Weiß, weiß, augenschmerzweiß
Roswitha
Das Hälschen windet sich nach
links nach rechts im Kreis herum
wiedibumm rum rum
es wird gehämmert gespachtelt
verschachtelt verachtelt
mit Sächte gemächtelt
Schneller Blick nach allen Seiten
welcher Baum welcher Traum
wo soll ich bleiben
braun gedeckt am Holze
sing ich gerne fremde Lieder
bin ich bieder
wende für dich mein Gefieder
Kleiner Vogel bin ich
hacke für dich hoch und nieder
– Pass auf deine Augen auf!

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