Sechsmal das Meer

(Walid Raad: Secrets in the Open Sea , ausgestellt in der Ausstellung
“Das imaginäre Museum“ im MMK 2)

Sechsmal das Meer glatt gestrichen spiegel
klar in Wassertönen: durchscheinend
blau vermischt mit Muschelweiß, Aquamarin
kühl in Lawinenlicht, Türkis kräftig getönt,
daneben rot gelacktes Pflaumenblau und
würzig dunkles Umbra, sie alle strömen
Ruhe, wiegen gezähmt die Wellen.

Glasgeschliffne Wasseroberfläche, an-
ziehend bunt, schrill und verlockend,
Stanniolpapier von Eiskonfekt wie einst ,
ich bin hypnotisch angezogen, misstraue doch
dem glatten Frieden, ich lausche ahnungsvoll ge-
fräßigen Geschichten, Medusenmeergeschichten.

Entdecke Silberschemen, Menschen auf
lichtlosem Meeresgrund. Schwanken im Sog
grasgrauer Algen, tanzen die gar im Übermut?
Ich höre tief den Atemzug des Wassers.
Dort singen Wesen ihren Körperdurst, sie
flüstern namenlose Träume. Es schweben
Seelen unausgesprochen,Tote äsen
weit am Grunde dieses falschen Blaus.
Das Meer hier ist kein Meer, es ist das Grab.