STENDHAL SYNDROM

Gudrun Selten

An den Grenzen

Kunst lässt Sensible Bewusstsein verlieren,
sagt Magherini, die Professorin der Psyche.
Sie beschuldigt Florenz.
Doch Dresden? Oder Sizilien?
Stendhal wird unruhig im Grab

1. Versuch
Er Allschönheit Allkörper Er
Er Muskulatur gemalte Skulpur.
Er Jugend im prächtig Gemächt
Allverlangen ist Sie
Allerregung Allverwirrung ist Sie
In Bildersälen sucht Halt Sie

Stendhal wird unruhiger

2. Versuch
Die Sechszehnjährige verrückt
London Victoria Station
Ersehntes Zentrum der Welt ** (London? – fragt die Sarazenin…)
Verloren im Ruß
Jauchzen Tränen beglückt

Stendhal wird noch unruhiger

3. Versuch
Gelbe Margariten
Gelbe Margariten
Die Säulen des Tempels
von Selinunt*

Ich umfasse die Säulen
Leichtigkeit meine Seele
Heiteres seliges Glück
Ich kann nicht sprechen
Minutenlang

Andreas Werner Friederich

In Sinne gefallen, verfallen im Lichte tasten zu
Aufgängen, schwebt die Hand – Bewegen
benommen Eigenerkennen.

Das nimmt sich wahr, als Tür gelehnt
verheißungsstill, Glanz eines Rätsels,
strömschön, Gehörntes gruftenmager.

Steinweich filigran, rückenfeuchte Kleinschrift,
Bilder lösen auch ihr Beschwiegenes
auf meine Stirn. ein sanftes, wir verlieren
unseren Platz. Schreit um mich Luftgewürgtes

kehlentief getrieben ohnmachtkreisend,
der Segensgebeugte versinkt.
Abwehren, hochhalten, gestaltfreier Kelch
von geschlossenen Augen singen möchte ich
Weinen, Einssein, scheine verloren echo
gespannten Lachens, ringe mit Altsaxophons

fraulicher Berstfülle, Muttermord Kinderklage trage
Schneeweiß unter den Augen, wie Gewölbevakuum, hängt,
Skrijabins Lichtakkord c fis b e a d, fächerblendend,
zerknallen Lautsprechers wabernde Ohren.

Auf der Rückwärtszeitlupe lösen sich Zustände- ich,
-ich- springe, der Ursprung. Atemleiter befreite das Nichtsein.

Da ist das Helle Draußen.
Gummierinnern aus Namen fließend. ihr Leben.

Dem Sinnen gefallen, schmerzgepresst Hände,
blutbeschmeckte,  Trosttonsur, frühe anglühe,
Liebendes trunken. Pracht die verwirft, nie, nein,

dass sie verzauberte, in Wellen,
mich erfand,
entfernt anland
ich. weinte,
Schwarzlotus stand.

 

Gerhard Schrick

Duisburg-Syndrom

Wenne aus Duisburg  komms, bisse Bergmann oder Fußball. Nicht richtich,
Aber von Haus aus. Momentan Hartz IV mit fünf Kinder.RTL 2 hat gut bezahlt.
Unser Omma sagt, Herbert komm wir fahren nach Florenz. Zu die kulturellen
Stätten von dem Cäsar Julius. Musse gesehn ham.Frau und Kinder bleiben hier.
Ich will meine Ruhe und du hast Zeit.Nach fünf Bier hab ich Ja gesagt. Ich war                  Chofför in ihrem alten VW Passat.Der Wind hat uns geweht. Über die Alpen und so.

4 Sterne haben gefunkelt. Die haben deutsches Fernsehn. Jau!  Omma wollte zu
Den Statuetten. Richtig ausgeflippt isse, die alte Spinne. So viele Häuser, wo niemand
Drin wohnt. Und die nackten Knaben mit ihren Minnis. Inner Italoklinik isse wieder
Aufgewacht. Stendhal- Syndrom. Hab ich abgeschrieben. Wat iss dat denn? Inner
Klappse hat es von denen gewimmelt. Die Kunstschätze hätten sie angewimmert.
Omma Diazepam (hab ich mir notiert, für alle Fälle)eingetrichtert. Sie hatt et geschluckt.

Und dann ab in den Passat. So schnell der Wind uns weht. Zurück nach Duisburg.
Omma abgesetzt und dann inne Kneipe. Zehn Bier (Minimum, Nachholbedarf,
Rotwein is out) und die Kumpels. Fußball – Weltmeisterschaft. Ich flipp gleich aus.
Duisburg- Syndrom. Toooor !!!! Für Deutschland! Oder nich? Scheiße, wieder die
Italiener. Prost Francesco. Altes Haus. Zuhause isset doch noch immer am Schönsten.
Meinze nich auch? Wat die sich in Florenz einbilden. Haben sonst nix zu tun.

 

Ralf-Rainer Rygulla

Touris in Erregung

So erzeugt Gewissheit Schönheit
und hätte Lüge zeugen können.
So erzeugt Schönheit Gier, taumelnd
im besoffenen Hitzschlag.

Touris versenken sich und Bus
Kumpane bis zum Speichelfluss.
Die Wahrheit drückt wie stehendes
Gewitter, wie unbestellte Lebenszeit.

Vertrauen schmiedet das immer
Gute und könnte Irrtum wecken.
So schmiedet das Gute weiche Herzen
flimmernd im trägen Hochmut.

Vollkommene Schamlosigkeit
verführt zum Glauben und schamlose
Vollkommenheit zum Abfall, zum
verstohlenen Haare ausreißen.

Wahrheit ist ein persönlicher Befund
zu schwer fürs einzelne Leben.
So gebiert Wahrheit Geschwüre im
Abstand zur Gewissheit von Schönheit
den nicht jeder Touri hält.

 

Roswitha Aulbach

Attacke in Stumm

Sandro Botticelli Machiavelli  Dante
in Santa Croce David welche Größe
beugen Haupt und Knie
Oh Santa Maria Novella di Fiori
Campanile di Giotto mit 12 Glocken
Renaissance Toscana Siena
Venezia Giorgiones La tempesta
wohin mein Auge schaut
Fülle Farben Formen

Pantheon Brunelleschi Antike Rom
Galerien Massen in Gier
Blitze ohne Zahl
ich fliehe schon

Panik  Museen Kirchen Kaiserdom
Abschied von Performance
Concept minimal art Kunst in Hallen
Zeigefinger in Wunden sozio
pädagogisch geschult die mir nicht gefallen
fliehe in Grün zur Fasanerie
Bilder bewegt gente
in peripherie