Understanding Francesco Schettino

Roswitha Aulbach
Risiko für Francesco

das Auf- und Zuknöpfen der Wäsche ist es
was die älteren Damen und Herren so langweilt
zu Gesellschaftspielen amore e mare mit Francesco
auf hohe See zu Wellen mit Supermercato treibt.
Es ist ein Risiko zum Arzt zu geh’n der Vergänglichkeit
ins Aug‘ zu seh’n.
Es ist ein Risiko bei Katz‘ und Wein allein
zu zweit zuhause zu bleiben zu streiten,
denn der Schlag des Herzens könnte ein letzter sein.

Von modernen Piraten golden geknöpft zum Essen geleitet
lasse den Blick vom Kolosse ins Schwarze entfernte Tiefen gleiten,
ohne Angst, was kostet die Welt – ich kann ja nicht schwimmen –
dank Costa Costa Capitano und Mannschaft billig bestellt.
Knapp die Route – groß die Gier – Profit für alle –
das Riff ganz nah, zu nah die Heimat
Sirenen betören das Seemannsheer.

Die Seelen verloren mit Mann und Maus – wie kommen die Menschen
aus Wasser Not Nacht der Verdammnis heraus.
Es ist ein Risiko Freibeutern der Meere zu trauen Helden der Angst
unter Segeln von Billigtarifen.
der Kapitän als letzter vom Schiff ein Mythos ohne Boot
vor Bankers Pleiten
Dirigenten von Wagnis vor Schettino Scheletros Zeiten.

 

Susanne Thauer
Schettino, Held der Meere

Ich große Mann mit viel Bedeutung, das steht klar in jede Zeitung,
bin ein Mann mit Extraklasse, Capitano Groß-Barkasse.
Bin für alle Caporale mit höchste Anspruch auf morale.
Immer war Demokraticus und niemals nie Schwachmatikus.
Ich bin gereist durch alle Meere, und niemand tat sich je beschwere.
Niemalen scheu ich Risiko, dann stimmt auch mein Portfolio.
Bin echt die Schwarm von viele donne, mir geben Bungabungawonne.
Drum lieb ich alle schöne Fraue, ob bionda, bruni oder graue.
Doch eines Nachts gab große Drama mit diese biond Moldawiendama.
Ist dunkel Nacht nix Mond scheint helle, es braust das Meer und brüllt wie Hölle.

Ich steh groß Kapitan auf Brücke, die bionda tut sich an mich drücke,
als wolle die mich gleich entführe oder gar unsittlich berühre.
Die quiekt und stöhnt wie Angst und Not und zerrt mich rein ins Vorderboot.
Befehl ich:“Alle Kraft voraus!“ Da tuts ein Rumms, Leben ist aus.
Und großes Schiff bohrt tief und tiefer, es neigt sich steil, liegt immer schiefer.
Es brauste laut sehr furchtbar Stormi , dann entstand Hektik ganz enormi.
Erkenn ich schweres Todesnot, spring über Reling hupps ins Boot.
Muss ich doch Last für alle trage. Ich kaltes Wasser nix ertrage.
Dass sterbe müsse so viel Leut, das hat mir viele Nacht gereut.

Und alle schreie, meine Schulde, doch platzt mir da meine Gedulde
und ich werd es nix vergesse, dass die Press` mir schlagt in Fresse.
Und all Papiere mir genomme und ich nix mehr mein Lohn bekomme.
Der Staat soll zahle auf mein Konto Schmerzensgeld und extra pronto.
Immer verspür ich tief tristezza für die gesunkene grandezza.
Ich sink auf Kniee ganz ergriff`, ich bet` für Tote von die Schiff.

 

Ralf-Rainer Rygulla
CAPITANO COMANDANTE

Ich habe doch nichts getan, sagt der Kapitän und krümmt sich in der Absicht, weniger sichtbar zu sein. Ist es die Sichel des Mondes oder ein italienischer Beleuchtungskörper, der die Metamorphose so sichtbar, still und übergangslos herbeiführt?

Domenica let’s swap Klamotten – es ist rutschig hier zur Zeit
vier tausend Rentner sind am hotten – und auch ich bin ziemlich breit
Domenica, wir lassen uns fallen – im Augenblick der Gefahr
glaube mir, das gönn ich allen – Kreuzfahrers Rettung ist ganz nah

Man sah jetzt etwas fleischig Gekrümmtes, ungeschützt, wehrlos. Ein im Atem-rhythmus sich sanft bewegender hautfarbener Klumpen, der stumm nach einer Hand verlangt. Es ist doch nichts dabei! Still halten, die Hand. Nur anfassen. Anfassen: Wärme, eine kleine Wärme, sechsunddreißig Grad.

Ein Manöver der guten Laune – ein Spiel mit Sonnenbrille in der Nacht
Capitano Comandante – Zweiunddreißig ums Leben gebracht

Ich habe doch nichts getan, stammelte der Kapitän immer wieder. Die Ahnung, das Wahrscheinliche, wird Zug um Zug wirklich, hier in der schattenlos ausgeleuchteten Kälte der Havarie. Das Denken wird zäh, wie ein ausgespucktes Kaugummi, ange-sichts der kippende Stahlschüssel. Visionen von Stil, Mode und Disziplin, Arbeit und Schönheit, Führertum und Selbstverleugnung. Und die See öffnet träge ihre Ab-gründe, oh Domenica. Und wir sind im Rhythmus. Ich habe wirklich nichts getan, flüstert jetzt der Kapitän. Im Fallen scheint er tatsächlich kleiner zu werden, ein in sich gekrümmter Plasmasack, ein Lurch, ein eleganter Einzeller, identitätsberaubt auf der sicheren Seite, inmitten des Geschreis.

Domenica lets swap Klamotten – es ist rutschig hier zur Zeit
vier tausend Rentner sind am hotten – und auch ich bin ziemlich breit
Domenica, wir lassen uns fallen – im Augenblick der Gefahr
glaube mir, das gönn ich allen – Kreuzfahrers Rettung ist ganz nah
Ein Manöver der guten Laune – ein Spiel mit Sonnenbrille in der Nacht
Capitano Comandante – Zweiunddreißig ums Leben gebracht

Nasse Dunkelheit, wunde Stille. Rufe von Engeln und ihren Betreuern. Die Stille zwischen Rettern und Rettungslosen. Ich habe doch nichts getan, flüstert der Ka-pitän, und in seine Stimme dringt sanfte Zufriedenheit. Ein rosawarmer, pulsierender Fleischklumpen, der eine Hand spüren will. Anfassen, anfassen, bitte anfassen, anfassen …